Tag: Gedicht


(an meine gesammelten Liebesbriefe)
sie liegen da,
in ihrer stillen ordnung,
nicht alphabetisch,
sondern nach herzschlag –
so wie man findet,
was man nicht gesucht hat.
deine worte,
sie sind geblieben,
in ihrer eigenen stimme,
leicht geneigt,
wie dein kopf,
wenn du lachst.
ich falte einen auf,
und der tag wird weicher,
wie licht,
das sich im vorhang verfängt
und bleibt.
die tinte hat nichts verloren,
sie riecht noch nach dir,
nach kaffeepausen
und nach dem zögern
vor dem ersten "ich liebe dich".
ich lese langsam,
weil jedes wort
wie ein fenster ist –
dahinter ein garten,
ein blick,
ein wir,
das geblieben ist,
auch wenn die jahre
weitergehen.
es ist nicht wehmütig,
dieses sammeln,
es ist ein aufbewahren
wie von licht
in alten gläsern –
dein versprechen,
meine antwort,
unser ort.
und manchmal
lege ich meine hand
auf einen dieser briefe
und spüre
dich zurückschreiben.
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 25.01.2026, 05.52 | (0/0) Kommentare | TB | PL


In Eis und Schnee
in eis und schnee
ruht alles,
was einmal bewegung war.
kälte hält fest,
was sonst vergeht.
zeit steht still
zwischen weiß
und schweigen.
nichts drängt,
nichts verlangt.
nur das dasein
im frost.
in eis und schnee
wird das leise
sichtbar.
~*~
© Anne Seltmann

Marius...
Anne Seltmann 22.01.2026, 05.38 | (3/2) Kommentare (RSS) | TB | PL


still ruht der see.
ein moment,
der sich selbst genügt.
das licht hält den atem an,
legt sich flach
auf die haut des wassers.
ein gedanke treibt vorbei,
ohne wellen zu machen.
man könnte ihn festhalten,
aber man lässt ihn.
am ufer nichts,
was drängt.
nur zeit,
die sich selbst zuhört.
der see weiß nichts von uns.
und genau darin
liegt seine ruhe.
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 21.01.2026, 05.44 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


Inventar der Bäume
Heute tragen die Bäume
ihr zweites Gewicht.
Nicht das der Jahre,
nicht das der Ringe,
sondern ein helles,
geliehenes Weiß.
Jeder Ast
ein vorsichtiges Regal,
auf dem der Winter
sein Geschirr abstellt.
Die Fichten stehen da
wie Tiere, die gelernt haben
ganz still zu atmen.
Birken –
mit Schultern aus Schnee,
als hätten sie sich
für etwas entschuldigt.

Der Garten wird langsam
zu einem Archiv
von Formen, die sonst
nur der Wind kennt.
Man könnte meinen,
die Stämme hörten zu,
wie die Flocken
leise ihren Namen sagen.
Unter der Last
beugen sie sich
in einer geduldigen Grammatik:
Satzzeichen aus Holz und Kälte.
Ich gehe hindurch
und trage das Knirschen
an den Schuhen davon,
als kleine Beweise.
Gegen Abend
wird alles schwerer,
auch das Licht.
Dann hängen die Bäume
voller Schnee
wie unausgesprochene Sätze –
schön
und ein wenig gefährdet.
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 15.01.2026, 10.37 | (2/1) Kommentare (RSS) | TB | PL


ich legte meine hände
unter die nacht
als wäre sie ein tier,
scheu
und von fernem wasser
der mond hing dort
nicht wie ein zeichen
sondern wie ein atem,
unentschlossen
zwischen gehen und bleiben
ich sagte nichts
damit er nicht kleiner wird
ich zählte nur die stellen
an denen das licht
nicht mehr wusste, wohin
später
war er schwerer als gedacht
schwer wie erinnerungen,
die man zu lange
im stillen dreht
ich trug ihn
ein stück durch die straßen,
über die dächer,
bis er anfing
mich zu tragen
und irgendwo
zwischen schatten und schlaf
ließ ich ihn los -
und die nacht
hüllte mich ein
und blieb
~*~

Anne Seltmann 05.01.2026, 05.02 | (3/2) Kommentare (RSS) | TB | PL


das boot
liegt am strand
die planken müde
vom salz und wind
kein mensch
kein laut
nur das weiche
rauschen der see
ich gehe näher
die einsamkeit
legt sich wie ein tuch
über meine schultern
ein moment
der bleibt
zwischen land und wasser
zwischen gehen
und ankommen
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 31.12.2025, 07.55 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Wenn die Tage leiser werden
und das Licht weicher fällt,
möge ein Moment der Ruhe
bei euch einkehren.
Ich wünsche euch Weihnachten
mit kleinen Wundern,
warmen Gedanken
und Augenblicken,
die bleiben dürfen.
Danke, dass ihr hier lest,
mitgeht, innehaltet.
Möge euch das kommende Jahr
sanft begegnen.
Frohe Weihnachten!

Anne Seltmann 24.12.2025, 01.00 | (6/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


ich träume mich an den strand,
nicht in postkartenfarben,
sondern in diese leise fläche,
die von weite spricht,
ohne ein wort zu kennen.
das meer nimmt meine gedanken auf,
wie ein archiv der dinge,
die nie gesagt wurden.
es lässt sie treiben,
knapp unter der oberfläche,
wo sie nicht entscheiden müssen
zwischen sinken und schweben.
ich träume mich an den strand,
wo jede welle ein versuch ist,
neu zu beginnen,
wo das salz sich mischt
mit dem, was ich festhalte
und dem, was ich endlich loslasse.
vielleicht bin ich nicht angekommen.
vielleicht reicht es,
in der bewegung zu bleiben,
dorthin zu träumen,
wo das meer spricht:
wirf dich hinein.
ich trag dich eine weile.
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 26.11.2025, 08.38 | (7/5) Kommentare (RSS) | TB | PL


licht kippt.
haut aus staub, mund aus echo
die bühne atmet – zögernd, dann zu viel
eine stimme fällt
zwischen zwei sätzen.
niemand hebt sie auf
im publikum: augen, die nicht wissen
wem sie gehören
textfetzen wie nägel im holz,
schmerzhaft ordentlich
wer spielt hier wen
licht wieder an.
alles bleibt gestellt
niemand geht
niemand bleibt
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 14.10.2025, 06.20 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Es ist nicht die Stille selbst, die schwer zu ertragen ist. Es ist das, was in ihr lebt. Dieses kaum hörbare Wispern, das aus allem zu kommen scheint – aus der Uhr, die unregelmäßig atmet, aus dem Holz, das sich dehnt und wieder zusammenzieht, als suchte es nach einer Erinnerung an Wärme. Selbst das Licht scheint nach etwas zu greifen, das ihm entglitten ist.
Man sitzt da, hört dem Haus zu und spürt, dass alles um einen herum genauso einsam ist wie man selbst. Der Tisch, der Stuhl, die Schatten, selbst die Luft, die sich kaum bewegt. Nur das ferne Rauschen der Welt dringt noch herein – Stimmen, Schritte, das Leben der anderen, gedämpft, wie aus einer anderen Zeit.
Einsamkeit ist nicht das Fehlen von Menschen. Sie ist das Bewusstsein, dass selbst Nähe manchmal keine Brücke schlagen kann, wenn im Inneren Schweigen herrscht. Und vielleicht ist das der Moment, in dem man lernt, dieser Stille zuzuhören – nicht, weil sie Trost spendet, sondern weil sie endlich ehrlich ist.
Anne Seltmann 10.10.2025, 07.44 | (4/3) Kommentare (RSS) | TB | PL