Tag: Möwe

Eine Möwengeschichte aus Kiel
Hinnerk war eine waschechte Ostsee-Sturmmöwe. Sein Zuhause war die Kieler Förde, wo er zwischen Segelbooten, Fischkuttern und kreischenden Möwenkollegen lebte. Er hatte eine ausgesprochen freche Schnauze, zwei viel zu große Füße und war der festen Überzeugung, dass die gesamte Kieler Förde eigentlich ihm gehörte.
Jeden Morgen begann sein Tag mit drei wichtigen Dingen: erstens ordentlich ausschlafen, zweitens nachsehen, ob irgendwo ein Fischbrötchen unbeaufsichtigt herumlag, und drittens sich über das Wetter beschweren.
„Also wirklich!, krächzte er an diesem Morgen. „Schon wieder Wind! Kann man hier nicht einmal in Ruhe seine Federn sortieren?
Der Wind nahm das persönlich und blies ihm kurzerhand die Strickmütze vom Kopf.
Hinnerk flatterte hinterher, stolperte über eine alte Fischkiste und landete kopfüber in einem Eimer voller Ostseekrabben.
„Na wunderbar! Jetzt habe ich auch noch Besuch im Gefieder!
Eine Krabbe zwickte ihn in die Schwanzfeder.
„Unverschämtheit! Ich bin hier der Einheimische!
Nachdem er sich mühsam befreit hatte, entdeckte er am Hafen einen Mann mit einem riesigen Fischbrötchen. Hinnerk bekam sofort diesen besonderen Blick. Seine Augen wurden groß, der Schnabel ging leicht auf und sein Gehirn schaltete auf Fischbrötchenmodus.
Er näherte sich unauffällig. Also so unauffällig, wie eine Sturmmöwe mit flatterndem Schal und gelben Gummistiefeln eben sein kann.
Ein kurzer Flügelschlag, ein beherzter Schnabelstoß – und schon hatte er das Brötchen!
Dachte er zumindest.
Denn der Mann hielt das andere Ende fest.
Was folgte, war ein Tauziehen, wie es die Kieler Förde noch nicht erlebt hatte. Hinnerk zog, der Mann zog, das Brötchen bog sich bedenklich und schließlich flog die ganze Angelegenheit durch die Luft.
Das Fischbrötchen landete auf dem Kopf eines Touristen, der gerade ein Foto vom Marine-Ehrenmal machen wollte.
Hinnerk schaute kurz hin, legte den Kopf schief und krächzte:
„Na, wenigstens hat er jetzt auch was auf dem Kopf!
Am Nachmittag wollte er sich von den Strapazen erholen und setzte sich auf einen Poller an der Kiellinie. Doch kaum hatte er die Augen geschlossen, kam eine kräftige Böe über die Förde und blies ihn mitsamt seinem Schal fast ins Hafenbecken.
„Hilfe!, kreischte er. „Ich wollte doch gar nicht nach Laboe verreisen!
Ein vorbeifahrendes Segelboot sorgte schließlich dafür, dass Hinnerk wieder festen Boden unter die Füße bekam.
Er schüttelte sein Gefieder, richtete die Mütze und blickte würdevoll in die Runde.
„So, krächzte er. „Das war heute aber auch wieder ein ganz normaler Tag an der Kieler Förde.
Während die Sonne langsam hinter den Masten im Hafen verschwand, schmiedete Hinnerk bereits Pläne für den nächsten Tag.
Er hatte nämlich gehört, dass an der Kiellinie ein neuer Fischstand eröffnen sollte.
Und Hinnerk hatte noch nie einen Eröffnungstag verpasst.
Schon gar nicht, wenn es etwas umsonst gab!
Hinnerks Lebensmotto:
Der Wind ist mein Friseur, die Ostsee mein Badezimmer und fremde Fischbrötchen sind eine Frage der Gelegenheit.
Anne Seltmann 03.11.2026, 14.49 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Eine Möwe aus einer Zeit vor mir
Ich sortiere gerade die alten Fotos meiner Eltern.
Zwischen den vielen Aufnahmen blieb ich an einem Bild hängen: Möwen auf Usedom.
Mein Vater hat dieses Foto gemacht, als er noch ein junger Mann war. Er war damals mit meiner Mutter auf der Insel unterwegs. Ich war noch nicht geboren. Es war eine Zeit, in der ihre gemeinsame Geschichte gerade erst begann.
Während ich das Bild betrachte, frage ich mich, worüber sie damals gesprochen haben. Ob sie am Strand spazieren gingen, den Möwen zusahen oder einfach den Wind und das Meer genossen. Hatten sie schon Träume für die Zukunft? Haben sie geahnt, was das Leben für sie bereithalten würde?
Ein altes Foto ist mehr als ein eingefrorener Augenblick.
Es zeigt nicht nur, was zu sehen ist. Es erzählt von einer Zeit, die ich nur aus Erzählungen kenne – und doch gehört sie zu mir. Denn ohne diese Tage auf Usedom, ohne all die kleinen und großen Momente, die meine Eltern miteinander erlebt haben, gäbe es meine eigene Geschichte nicht.
Ich schaue auf die Möwe und sehe plötzlich nicht mehr nur einen Vogel am Meer. Ich sehe zwei junge Menschen, voller Zukunft, ohne zu wissen, welche Wege noch vor ihnen liegen würden.
Es berührt mich, dass ich heute, Jahrzehnte später, dieses Bild in den Händen halte.
Fotos können die Zeit nicht anhalten. Aber sie können sie für einen Augenblick wieder öffnen.
Und manchmal genügt eine einziges Bild mit Möwen, um sich auf eine Reise zu begeben – in eine Vergangenheit, die man selbst nie erlebt hat und die doch ein Teil der eigenen Geschichte geworden ist.
[Foto eingescannt und bearbeitet]
Anne Seltmann 22.07.2026, 00.00 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Klön & Krümel
Am frühen Morgen stand die kleine blaue Hütte "Klön & Krümel" still am Strand, nur Mathilda war drinnen – die Einzige, die Zutritt hatte. Die Möwen, scheinbar gut informiert, landeten schon am Fenster und begutachteten kritisch jede Bewegung der Besitzerin. Kaum hatte Mathilda die erste Tasse Kaffee durch das Fenster gereicht, stürzten sich zwei besonders freche Möwen auf die Serviette mit einem Keks, dass Mathilda nur noch lachen konnte.
"Na gut, ihr Nasenbären, aber nur einen Keks pro Runde!", rief sie durch das Fenster, und die Möwen kreischten empört, als hätten sie sie nicht verstanden. Die Kunden draußen lachten, hielten ihre Tassen fest in den Händen und zwangen die Möwen zu einer respektvollen Distanz – zumindest für eine Minute.
Jeder neue Besucher wurde von den Vögeln beäugt wie von kleinen Kontrolleurinnen, die prüften, ob der Kaffee und die Kuchenstücke auch richtig verteilt wurden. Mathilda balancierte Tassen, Löffel und Kekse mit erstaunlicher Gelassenheit, während die Möwen versuchten, jeden unbeobachteten Moment für einen kleinen Raub zu nutzen.
So verging der Vormittag: Lachen, kreischende Möwen, warme Tassen Kaffee, ein paar gestohlene Kekse – und ein Strand, an dem alle draußen standen, den Wind spürten, das Meer hörten und die kleine, freche Magie von "Klön & Krümel" genossen. Mathilda hinter der Theke war die ruhige Königin dieses Chaos, die Einzige, die alles unter Kontrolle hatte – zumindest bis zur nächsten Möwenattacke.
Anne Seltmann 17.12.2025, 07.52 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Beim Sichten meiner Bilder, bin ich auf einige meiner Nähprojekte gestoßen.
Ich habe diverse Sachen für meine Kindergartenkinder genäht und natürlich auch für mich.
Von links nach rechts…
Links oben ist ein Nähprojekt gewesen, dass ich bei *vonlangehand gesehen hatte. Da habe ich mir die Nähanleitung für die kleinen Schiffchen gekauft.
Dann kommen als nächsten Turnbeutel, die ich für meine Kindergartenkinder genäht hatte, als Abschiedsgeschenke, für den Übertritt in die Grundschule. Die habe ich frei nach Schnauze genäht. Ich habe diesen Stoff gewählt, damit sie ihn selbst ausmalen können.
Daneben unschwer zu erkennen bin ich. Zumindest erkennen mich alle, die mich schon einmal gesehen haben. In der Anfangszeit habe ich wie verrückt Masken genäht. Für uns, für die Familie, für Freunde – bestimmt rund zweihundert Stück sind dabei entstanden.
Die Lenker-Tasche fürs Fahrrad daneben war ein Geschenk für das Nachbarsmädchen, entdeckt bei * Lybstes
Unten links seht ihr ein Puppenkleidchen, das ich ohne Vorlage genäht habe. Ein Hängerchen beziehungsweise Schürzenkleid, das ich bei * Stoff -Schmiede entdeckt und mir den Zuschnitt selbst zurecht gefriemelt habe.
Dann kommt Öwe, * die Möwe, die ich für die Sprachförderung in meinem Kindergarten genäht hatte. Öwe ist übrigens herrlich frech.
Und ganz zum Schluss durfte eine Puppenwindel natürlich nicht fehlen – ebenfalls frei genäht und ohne Plan, einfach aus der Idee heraus.
Anne Seltmann 01.12.2025, 15.16 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Anne Seltmann 24.07.2025, 10.09 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Marlene, die Strandaufsicht
Sie hieß Marlene. Zumindest nannten die Einheimischen sie so. Eine große Möwe mit schiefer Haltung, einer angeknacksten Kralle und dem Blick einer alten Bibliothekarin, die jedes Flüstern hört. Marlene war jeden Tag da. Frühmorgens, wenn der Strand noch schlief, saß sie auf der dritten Holzpfahlreihe, direkt bei der roten Boje, und beobachtete.
Sie sah das Paar, das sich seit Wochen zum Schweigen traf. Immer dieselbe Decke, immer derselbe Abstand zwischen den Kaffeebechern. Sie sah die Kinder, die Burgen bauten und dabei das Meer vergaßen. Sie sah den alten Herrn mit dem Strohhut, der nie badete, aber stundenlang aufs Wasser starrte, als warte er auf ein Zeichen. Marlene sah auch die Touristin mit dem Sonnenbrand auf den Schultern, die sich jeden Tag aufs Neue wunderte, dass Wind kein Schatten ist.
Aber Marlene war keine Möwe, die bloß beobachtete. Sie griff ein. Heimlich. Strategisch.
Wenn jemand sein Brötchen auf dem Handtuch vergaß, pickte sie nicht hinein, sondern stupste es leicht an, als wolle sie sagen: "Denk nach, Mensch." Wenn ein Kind zu nah an die Wellen geriet, flog sie laut kreischend über den Sand, bis die Mutter sich erschrocken umsah. Und wenn zwei Liebende sich zu lange schwiegen, setzte sie sich dazwischen. Nicht aus Bosheit. Sondern weil sie wusste: Manchmal braucht Nähe einen Störenfried, um sich neu zu spüren.
Die Menschen am Strand hielten sie für eine freche Möwe. Eine von vielen. Niemand ahnte, dass Marlene die heimliche Aufsicht war. Nicht offiziell, nicht mit Schild oder Trillerpfeife. Aber mit Blick. Mit Instinkt. Mit einem Herzen, das für jedes verlorene Handtuch flatterte und jeden stillen Kummer im Wind hörte.
Abends, wenn das Licht flacher wurde und der Sand sich kühl anfühlte, flog Marlene auf ihren Lieblingspfahl. Und zählte. Die Schatten, die Geschichten, das Ungesagte. Dann schloss sie die Augen, als müsse auch sie irgendwann zur Ruhe kommen.
Doch nur für einen Moment. Denn Marlene – das wusste der Strand längst – hatte alles im Auge. Immer.
Anne Seltmann 24.07.2025, 06.28 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Die lästige Leichtigkeit des Kreischens
Sie sehen aus wie kleine Himmelssegler mit schneeweißen Flügeln und dem Blick eines Unschuldslamms – doch wer wie ich an der Küste lebt, weiß es besser: Möwen sind keine romantischen Küstenbewohner, sondern gefiederte Ganoven. Sie schreien, wenn alle anderen schlafen. Sie lauern, wenn du nichts ahnst. Und sie stehlen – mit der Chuzpe eines Straßenräubers.
Kaum setzt man sich mit seinem Brötchen ans Wasser, taucht plötzlich dieser weiße Schatten auf. Ein kurzer Flügelschlag, ein schriller Schrei – zack, ist das Frühstück weg. Und als wäre das nicht genug, hinterlassen sie auch noch ihre "Meinung" auf frisch geputzten Autos oder akkurat gefegten Balkonen.
Natürlich, sie gehören zum Norden wie der Wind und das Salz in der Luft. Aber manchmal, ganz ehrlich, wünscht man sich einen persönlichen Möwenabwehrschirm – oder zumindest ein Schild, auf dem steht: "Finger weg, Möwe!"
Und dennoch – wenn sie dann abends über dem Meer kreisen, im Gegenlicht der untergehenden Sonne, könnte man fast vergessen, dass sie morgens dein Croissant gestohlen haben.
Fast.

Anne Seltmann 23.07.2025, 06.31 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Weit draußen auf dem offenen Meer schwamm ein alter Wal namens Maro.
Er war bekannt für seine ruhige Art, seine sanften Bewegungen und sein tiefes, ruhendes Lied, das durch das Wasser vibrierte.
An einem warmen Sommertag tauchte Maro gemächlich auf, um Luft zu holen.
Sein mächtiger Rücken glänzte feucht in der Sonne, als plötzlich – plopp! – eine junge Möwe auf seinem Kopf landete.
Sie schüttelte ihre Federn, sah sich um und ließ sich zufrieden nieder, als wäre Maro eine kleine Insel mitten in der endlosen Weite.
Maro blinzelte langsam, aber statt die Möwe zu verscheuchen, blieb er still.
Er spürte das zarte Gewicht auf seiner Haut und lauschte dem leisen Kratzen der kleinen Krallen.
Die Möwe, noch etwas erschöpft vom langen Flug, schlief schließlich auf seinem Kopf ein.
So trug Maro sie ein Stück übers Meer – als hätte er verstanden, dass manchmal selbst die Freien eine kleine Pause brauchen.
Als die Möwe später erwachte und flatternd davonzog, ließ Maro leise eine Blase aufsteigen, als Abschiedsgruß.
Und tief in sich drinnen sang er ein Lied, von Freundschaft, die manchmal einfach still und schwerelos entsteht.
Anne Seltmann 23.04.2025, 08.09 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Die Möwen stehen auf dem noch nicht ganz zugefrorenen See, die Luft ist schneidend kalt, der Wind zieht unnachgiebig über die glatte Oberfläche. Die Vögel bewegen sich kaum, ihre Füße fest auf dem Eis, als hätten sie sich an die Kälte gewöhnt. Unglaublich, dass die Möwen aufgrund der physiologischen und verhaltensbezogenen Anpassungen problemlos auf kaltem Untergrund stehen, ohne Schaden zu nehmen.
Gelegentlich breitet eine Möwe die Flügel aus, fliegt ein kurzes Stück und kehrt dann wieder zurück. Der See liegt still, eine unbewegte Fläche, die das Leben darunter verbirgt. Es ist eisig, doch die Möwen bleiben, als wüssten sie, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Eis wieder schmilzt.

Anne Seltmann 16.01.2025, 05.32 | (7/6) Kommentare (RSS) | TB | PL