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Tag: Fremdwort

Sprachsalat à la carte


[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]


Habituell – wenn Gewohnheit plötzlich vornehm klingt

Es gibt Wörter, die machen aus einer ganz normalen Sache etwas Wissenschaftliches.

Zum Beispiel:
„Ich mache das immer so.

Klingt ziemlich unspektakulär.

Sagt man dagegen:

„Das ist bei mir habituell.

– und schon hat man den Eindruck, man hätte mindestens drei Semester Verhaltensforschung studiert. Dabei bedeutet habituell im Grunde nichts anderes als gewohnheitsmäßig, zur Gewohnheit geworden oder regelmäßig auf eine bestimmte Art und Weise geschehen. Habituell ist also beispielsweise, wenn ich morgens aufstehe und zuerst Kaffee brauche. Nicht vielleicht. Nicht gelegentlich. Nein. Habituell. Wenn ich beim Einkaufen immer denselben Weg durch den Supermarkt nehme, obwohl der andere viel kürzer wäre: habituell. Wenn ich den Kühlschrank öffne, obwohl ich genau weiß, dass seit zehn Minuten nichts Neues hineingekommen sein kann: ebenfalls habituell.

Und wenn ich sage:
„Ich schaue nur ganz kurz bei Facebook vorbei, und 47 Minuten später immer noch dort bin …

Nun ja. Habituell. Sehr habituell.

Das Schöne an diesem Wort ist, dass es sogar unseren kleinen Macken einen gewissen wissenschaftlichen Glanz verleiht.

„Ich kann nicht schlafen, wenn die Schranktür offensteht klingt nach einer persönlichen Eigenart.

„Ich zeige ein habituelles Bedürfnis nach geschlossenen Schranktüren.

Na bitte! Schon klingt es fast nach Forschungsprojekt.

Auch beim Essen sind wir erstaunlich habituell. Wir haben unsere Tasse, unseren Platz am Tisch, unsere Lieblingsseite der Zeitung und natürlich die eine ganz bestimmte Art, wie das Brot geschnitten werden muss. Wer daran etwas verändert, gefährdet möglicherweise den häuslichen Frieden.

Und dann gibt es die wirklich hartnäckigen Gewohnheiten: Man schaut auf die Uhr, obwohl man gerade erst auf die Uhr geschaut hat.

Man sucht die Brille und trägt sie bereits auf der Nase. Man geht in einen Raum und weiß nicht mehr, warum. Man nimmt das Handy in die Hand, obwohl man eigentlich nur den Timer für die Kartoffeln stellen wollte.

Das alles ist nicht zerstreut. Das ist habituell!

Ich finde, wir sollten überhaupt viel großzügiger mit diesem Wort umgehen.

Wenn jemand fragt:

„Warum machst du das eigentlich immer so? Dann einfach ganz gelassen: „Das ist habituell.

Und schon muss man sich nicht weiter erklären.




Anne Seltmann 18.08.2026, 13.49 | (0/0) Kommentare | TB | PL