Blogeinträge (Tag-sortiert)

Tag: Gedicht

…und dann jagen wir möwen hinterher




[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann] 




du rennst voraus
über den nassen strand
dort wo die wellen
ihre weißen ränder
in den sand schreiben
und gleich wieder verwischen

 

ich hinterher
mit salz auf den lippen
und einer muschel im schuh
die du selbstverständlich
für einen glücksbringer hältst

 

der wind zupft an deiner jacke
die gischt spritzt bis an die knie
und irgendwo draußen
schaukelt ein kutter
auf den dunklen wellen

 

wir bleiben kurz stehen
weil das meer heute
so blau ist
dass man fast hineinfallen möchte

 

dann findet sich
zwischen unseren füßen
ein stück treibholz
und du erklärst mir
dass es aussieht
wie ein ziemlich schlecht gelaunter wal

 

ich widerspreche
natürlich

 

wir lachen


eine möwe klaut dir beinahe
dein brötchen
und plötzlich ist es wieder da:

 

dieses kindliche
unvernünftige
herrliche glück

 

wir springen über die pfützen
rennen den brechenden wellen davon
sammeln drei gleiche steine
und behaupten
sie seien selten

 

der leuchtturm dreht sein licht
über den abend
die bojen klingeln draußen
und der horizont
zieht langsam seine blaue Decke
über das wasser

 

und dann jagen wir möwen hinterher

 

barfuß
mit nassen hosen
und viel zu großen lachen

 

bis wir beide
keinen schritt mehr können

 

und liegen bleiben
mit dem kopf im sand
und dem meer im ohr

 

und du sagst:

morgen wieder?

 

als gäbe es überhaupt
eine andere antwort.

~*~

© Anne Seltmann


 





Anne Seltmann 02.09.2026, 08.14 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Der wilde Garten



[Schade, dass ich keinen Garten habe]





sie kommen
ohne einladung

zwischen pflastersteinen
am zaun
am rand
der ordentlichen beete

als hätten sie
nie gelernt
wofür grenzen
gedacht sind

der löwenzahn
fragt nicht
ob er erwünscht ist

er öffnet
einfach
sein gelb
zur sonne

die margerite
kennt keine
gartenordnung

sie blüht
wo der wind
ihr einen platz
gelassen hat

und die wilde malve
hat noch nie
einen katalog
gelesen

sie weiß nichts
von plänen
nichts von vorgaben

nur

wie man wächst

wir nennen sie
unkraut

als wäre wachsen
ein fehler

als müsste
jede blüte
einen zweck
erfüllen

dabei
sind sie längst
beschäftigt

mit summenden bienen

mit schmetterlingen

mit dem sommer

und mit all dem
was wir
leicht übersehen

vielleicht
liegt der irrtum
nicht bei ihnen

sondern bei uns

die wir glauben
die natur
müsse sich
erklären

während sie
einfach blühen

~*~

© Anne Seltmann




Anne Seltmann 23.06.2026, 14.04 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Lieber Papa!


[Bild mit Photoshop bearbeitet / Text © Anne Seltmann]



ich rechne
nicht oft
in jahren


und doch
kommt dieser tag
verlässlich zurück


wie die schwalben
wie der mohn
wie der erste frost


vierunddreißigmal
ist er gekommen

ohne dich


und noch immer
bleibt für einen augenblick
alles stehen

als müsse die zeit
selbst
nach dir suchen

im november
wärst du
einhundertvierzehn geworden

eine zahl
größer
als meine vorstellung

größer vielleicht
als die strecke
die zwischen uns liegt

ich sehe dich nicht
ich höre dich nicht


und dennoch
gibt es tage
an denen du
durch einen gedanken gehst
durch eine erinnerung
durch ein altes wort


als hättest du
den raum
nie ganz verlassen


dann sitze ich da
und staune
wie jemand
so lange fort sein kann
und dennoch
nicht verschwindet

~*~

© Anne Seltmann





Anne Seltmann 20.06.2026, 08.00 | (4/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Vergänglichkeit


[Bild KI generiert / Zitat © Anne Seltmann ]






Vergänglichkeit 

Zwischen Blühen und Verwehen liegt eine ganze Welt

~*~

© Anne Seltmann



Anne Seltmann 07.06.2026, 17.54 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Flieg, kleiner Schmetterling








flieg
kleiner schmetterling
durch die ränder des tages

 

wo das licht
nicht entscheidet
ob es bleiben will

 

deine bewegung
ein tastendes schreiben
in die luft

 

kein plan
nur richtung
die sich beim fliegen ergibt

 

du streifst
an dingen vorbei
die namen haben

 

und lässt sie
unberührt zurück

 

so le icht
dass selbst der wind
dich kaum festhalten kann

 

flieg

bis auch das sehen
dich verliert

 

und nur noch
ein leises
vielleicht
übrig bleibt


~*~

© Anne Seltmann











Anne Seltmann 07.05.2026, 06.23 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Black and White Mai 2026





Morgennebel

die dinge
treten zurück
als wollten sie
sich selbst
nicht stören

 

ein tropfen
hält kurz
am rand

 

zögert
oder erinnert sich

 

dann
gleitet er

 

nicht nach unten
eher
aus der form

 

in die stille des windes

die nichts sagt
und doch
alles trägt

~*~


© Anne Seltmann








Anne Seltmann 01.05.2026, 06.00 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Marius Nature Thursday 2026 N° 12




[Aus dem Archiv]




die pusteblume
hält ihre zerbrechlichkeit
offen

kein festhalten
nur fäden
die sich erinnern
wie leicht etwas wird

an jeder spitze
ein tropfen

als hätte der morgen
sich verfangen

sie wartet nicht
auf wind

sie ist schon
im gehen

nur noch
nicht ganz

und du
siehst ihr zu
wie etwas bleibt
indem es sich löst


~*~

© Anne Seltmann











Anne Seltmann 23.04.2026, 05.55 | (4/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Maritimer Mittwoch N° 250



 


Zwischen dir und dem Wind

 

so viel himmel

zwischen den linien

 

die segel

halten wind

ohne ihn zu besitzen

 

weiß

gegen blau

ein gespannter zustand

 

du siehst nach oben

und verlierst

den boden

 

nicht ganz

 

nur genug

um zu ahnen

 

dass richtung

nicht festliegt

 

sondern entsteht

 

im ziehen

im nachgeben

 

im offenen

 

zwischen dir

und dem wind


~*~

© Anne Seltmann





Angelas...





Anne Seltmann 22.04.2026, 22.00 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Marius Nature Thursday 2026 N° 11





sie stehen nicht lange

und doch stehen sie

als hätten sie zeit

 

ein rund

aus weiß

so leicht

dass es fast schon

verschwindet

im sehen

 

man könnte glauben

sie warten

 

aber worauf

 

nicht auf uns

nicht auf das bleiben

 

eher

auf ein lösen

 

der wind kommt

ohne sich anzukündigen

 

streift nur

und schon beginnt es

 

kein plötzlich

kein bruch

 

mehr ein nachgeben

 

ein samen

dann noch einer

 

als würde sich etwas erinnern

dass es nie gehalten war

 

sie gehen

nicht weg

 

sie verteilen sich

 

in richtungen

die niemand benennt

 

und das feld

verändert sich

ohne sich zu bewegen

 

es wird leerer

und gleichzeitig weiter

 

man steht davor

und versteht es nicht ganz

 

dieses

fast

 

dieses

gleich nicht mehr

 

und doch

 

bleibt etwas

 

nicht sichtbar

nicht greifbar

 

eher ein wissen

 

dass nichts

dafür gemacht ist

zu bleiben

 

und dass genau darin

 

eine form

von leichtigkeit liegt


~*~

© Anne Seltmann








Anne Seltmann 09.04.2026, 05.58 | (4/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Marius Nature Thursday 2026 N° 07






der wald
ist kein ort
er geschieht

zwischen rinde und atmung
ein licht
das nicht fällt
sondern tastet

unter den füßen
das weiche gedächtnis
aus nadeln
aus jahren

ein knacken
(oder war es nur
mein denken?)

moos legt
seine kühle hand
auf den stein

und alles
was ich sagen wollte
zieht sich zurück
in wurzeln

der wald spricht nicht
er sammelt

atem
harz
schatten

und gibt mich
langsamer
zurück
als ich kam.


~*~

© Anne Seltmann




 





Anne Seltmann 26.02.2026, 06.20 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL