Blogeinträge (Tag-sortiert)

Tag: Geschichten

Zoe und der Himmel voller Sterne




[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann] 



Zoe war ein kleiner Bär.

Nicht besonders groß, nicht besonders mutig und schon gar nicht besonders laut. Wenn andere Bären brummten, dass der Wald ihnen gehörte, sagte Zoe meistens gar nichts. Sie setzte sich lieber auf ihren kleinen Hügel, zog die Beine an den Körper und schaute hinauf zum Himmel.

Denn Zoe liebte die Sterne.

Jede Nacht kamen sie heraus, einer nach dem anderen. Manche waren hell und groß, andere so winzig, dass man sie beinahe übersehen konnte. Zoe aber übersah keinen einzigen.

Sie kannte ihre Lieblingssterne sogar beim Namen.

Da war der kleine Flimmerstern über dem alten Birkenwald. Der wandernde Stern, der jeden Abend ein Stück weiter nach rechts zu rücken schien. Und ganz oben, beinahe am Rand des Himmels, leuchtete ein besonders heller Stern.

Den nannte Zoe Hoffnung.

Warum, wusste sie selbst nicht genau.

Vielleicht, weil er immer da war.

Auch in den Nächten, in denen Wolken den Himmel verschluckten. Auch wenn der Wind heulte und Zoe sich unter ihrem alten roten Tuch verstecken musste. Und sogar dann, wenn sie selbst nicht wusste, wohin ihr Weg eigentlich führen sollte.

Eines Abends geschah etwas Merkwürdiges.

Zoe saß wie immer auf ihrem Hügel und betrachtete die Sterne, als plötzlich ein winziges Licht vom Himmel fiel.

Es fiel nicht schnell.

Es schwebte.

Erst sah es aus wie ein Staubkorn, dann wie eine Glühwürmchenlaterne und schließlich wie ein kleiner goldener Funke.

Plopp.

Der Funke landete direkt neben Zoes Pfote.

Zoe starrte ihn an.

Der Funke starrte zurück.

„Bist du ein Stern?, fragte Zoe vorsichtig.

„Noch nicht, antwortete der Funke.

Zoe erschrak so sehr, dass sie beinahe rückwärts den Hügel hinuntergerollt wäre.

„Du kannst sprechen!

„Du doch auch, sagte der Funke.

Das fand Zoe einleuchtend.

Eine Weile saßen die beiden einfach nebeneinander.

Dann erzählte der kleine Funke, dass er sich verirrt hatte. Er sollte eigentlich wieder zurück an den Himmel, aber er wusste nicht mehr, welcher Weg nach oben führte.

Zoe blickte hinauf.

Der Himmel war riesig.

Und plötzlich fühlte sich ihr eigener kleiner Körper noch kleiner an.

„Ich weiß auch nicht, wie man zum Himmel kommt, sagte sie.

„Aber du schaust jeden Abend hinauf.

„Ja.

„Dann weißt du mehr als ich.

Zoe musste lächeln.

Sie nahm den kleinen Funken vorsichtig in ihre Pfote und begann loszugehen.

Sie liefen durch das hohe Gras, vorbei an den schlafenden Bäumen und über einen kleinen Bach. Zoe wusste nicht, wohin sie gingen. Aber sie wusste, dass sie nicht aufgeben wollte.

Als sie den höchsten Punkt des Hügels erreichten, blieb Zoe stehen.

„Und jetzt?

Der Funke begann plötzlich heller zu leuchten.

Über ihnen öffnete sich eine kleine Lücke zwischen den Wolken.

Ein einzelner Stern strahlte hindurch.

Hoffnung.

„Da, sagte Zoe.

Der Funke hob sich aus ihrer Pfote.

„Danke.

„Kommst du wieder?, fragte Zoe.

„Immer wenn du nach oben schaust.

Und dann flog er hinauf.

Immer höher.

Bis er schließlich zwischen den Sternen verschwand.

Zoe blieb noch lange sitzen.

Sie sah zum Himmel und entdeckte dort einen neuen, winzig kleinen Stern.

Er war nicht besonders hell.

Aber er war da.

Zoe lächelte.

Seit dieser Nacht wusste sie etwas, das sie vorher nicht gewusst hatte:

Man muss nicht groß sein, um ein Licht zu finden.

Manchmal reicht es, den Blick zu heben.

Und manchmal reicht es sogar, für jemanden anderes ein kleines Licht zu sein.


© Anne Seltmann



Anne Seltmann 30.08.2026, 09.23 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Die Akte Möwe – Küstenkriminalität


[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]


Sie sehen harmlos aus.
Weiße Weste, unschuldiger Blick, ein bisschen Wind im Gefieder.

Lassen Sie sich nicht täuschen!

Möwen sind die Kleinkriminellen der Küste. Sie lauern auf Fischbrötchen, Pommes und Eis und haben dabei keinerlei Skrupel, sich über geltendes Eigentumsrecht hinwegzusetzen.

Der Ablauf ist immer derselbe:
Eine Möwe beobachtet das Opfer.
Eine zweite gibt das Zeichen.
Die dritte stürzt sich auf die Beute.

Und plötzlich fehlt die Hälfte vom Brötchen.

Das Perfide: Sie zeigen keinerlei Schuldbewusstsein. Statt sich davonzumachen, setzen sie sich drei Meter entfernt hin und schauen dich an, als wärst du gerade beim Klauen erwischt worden.

Bei Pommes kennen sie überhaupt keine Grenzen mehr. Da wird nicht gefragt, da wird konfisziert.

Und wehe, du wagst es, dein Essen zu verteidigen. Dann kommen Verstärkung und lautstarke Zeugen aus allen Himmelsrichtungen.

Ich sage euch:
Die organisierte Kriminalität hat Flügel bekommen – und sie kreischt.

Möwe Nummer 1: „Fischbrötchen gesichtet!
Möwe Nummer 2: „Wie groß?
Möwe Nummer 1: „Mit Zwiebeln!
Möwe Nummer 3: „Jungs, das wird ein Überfall.  

 




Anne Seltmann 29.08.2026, 10.43 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Der Sternschnuppenfänger



[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]

 

Ich habe neulich von einem Beruf gehört, den es eigentlich gar nicht geben dürfte: Sternschnuppenfänger.

Sein Name ist Emil und jeden Abend, wenn die Stadt langsam zur Ruhe kommt, steigt er mit seinem goldenen Netz hinauf zu seiner kleinen Plattform über den Wolken. Dort wartet er auf die Sternschnuppen, die über den Nachthimmel sausen. Sobald eine besonders helle auftaucht, schwingt Emil sein Netz und – schwupp – schon verschwindet sie darin.

Die gefangenen Sternschnuppen bewahrt er in kleinen Glasgefäßen auf. Sie leuchten darin wie winzige Feuerwerke und hinterlassen goldene Lichtkringel an den Glaswänden. Wenn jemand auf der Erde einen ganz besonderen Wunsch hat, bringt Emil ihm eine davon. Er stellt das Glas heimlich ans Fenster, klopft dreimal und verschwindet wieder. Denn Emil weiß: Ein Wunsch funktioniert nur, wenn man ihn nicht beobachtet.

Eines Nachts aber fängt Emil eine ganz besondere Sternschnuppe. Kaum steckt er sie in ein Glas, beginnt dieses heftig zu zittern.

„Lass mich raus!, flüstert sie.

Emil staunt. „Du kannst sprechen?

„Natürlich, antwortet die Sternschnuppe. „Du fängst uns schließlich ständig ein. Da darf man doch wenigstens mal etwas sagen.

Emil hebt vorsichtig den Deckel. „Und was möchtest du?

„Nach Hause.

„Und wo ist das?

Die Sternschnuppe zeigt nach oben. „Dort, wo alle Wünsche anfangen.

Emil denkt kurz nach und lässt sie frei. Sie schießt hinauf in den Himmel, wird kleiner und kleiner und verschwindet schließlich zwischen den Sternen.

Doch bevor sie endgültig verschwindet, ruft sie ihm zu: „Du darfst dir auch etwas wünschen!

Emil schaut lange in den Himmel. Dann lächelt er und sagt: „Ich wünsche mir, dass niemals jemand aufhört, an Wunder zu glauben.

In diesem Moment fällt eine kleine Sternschnuppe direkt vor seine Füße.

Emil hebt sie auf. Sie ist warm und glitzert in seiner Hand.

Seit dieser Nacht ist Emil übrigens kein Sternschnuppenfänger mehr.

Er sammelt Wünsche.

 


© Anne Seltmann

 



Anne Seltmann 20.08.2026, 08.30 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Das Rotkehlchen ...


[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]


...aus Evas Garten

Es war einmal ein kleines Rotkehlchen, das sich Evas Garten als Zuhause ausgesucht hatte.

Eines Frühlingsmorgens saß es plötzlich auf einem moosbewachsenen Stein unter dem alten Kirschbaum. Es schaute sich neugierig um, zwitscherte ein paar helle Töne und begann, als hätte es nie woanders gelebt, den Garten zu erkunden.

Eva ließ es gewähren.

Sie sprach nicht mit ihm und lockte es auch nicht an. Sie beobachtete einfach nur. Vom Küchenfenster aus. Oder mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse.

Das Rotkehlchen hüpfte zwischen den Blumenbeeten umher, suchte nach kleinen Insekten, flatterte auf den Gartenzaun und verschwand manchmal für Stunden in den Hecken. Doch jeden Tag kam es wieder zurück.

Mit der Zeit kannte Eva seine Lieblingsplätze.

Den alten Apfelbaum.

Den flachen Stein am Teich.

Die Gießkanne, auf deren Rand es besonders gern saß.

Und das kleine Beet mit den Ringelblumen.

Im Frühsommer bemerkte sie, dass das Rotkehlchen nicht mehr allein unterwegs war.

Zwischen den Sträuchern tauchten plötzlich winzige Federbällchen auf. Die Jungvögel waren noch etwas tapsig unterwegs, flatterten unbeholfen hinter ihren Eltern her und schienen über alles zu staunen, was der Garten zu bieten hatte.

Von Jahr zu Jahr wiederholte sich dieses kleine Wunder.

Manchmal war es dasselbe Rotkehlchen.

Manchmal vielleicht eines seiner Jungen.

Eva wusste es nicht.

Aber sie freute sich jedes Mal aufs Neue, wenn im Frühjahr wieder ein Rotkehlchen auf dem Gartenzaun landete und den Tag mit seinem fröhlichen Gesang begrüßte.

Im Laufe der Jahre wurde ihr Garten zu einem kleinen Paradies.

Nicht nur Rotkehlchen fanden den Weg dorthin.

Auch Meisen, Amseln, Zaunkönige, Spatzen und Finken schienen sich dort wohlzufühlen. Zwischen den Blüten summten Hummeln und Bienen, Schmetterlinge tanzten durch die warme Luft, und manchmal huschte sogar ein Igel in der Abenddämmerung durch das hohe Gras.

Eva hatte nie versucht, die Natur festzuhalten.

Sie ließ sie einfach sein.

Vielleicht war es genau das, was die Tiere spürten.

Und so wurde ihr Garten Jahr für Jahr ein Ort, an dem immer wieder neues Leben einzog.

Wenn im Frühling das erste Rotkehlchen auf dem vertrauten Stein saß, lächelte Eva.

Sie wusste:

Die schönste Einladung an die Natur ist ein Garten, in dem sie willkommen ist.

Und manchmal genügt schon ein kleiner Vogel, um einen ganzen Garten mit Leben zu erfüllen.


© Anne Seltmann




Anne Seltmann 10.07.2026, 11.25 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Aschenputtel und das königliche Recyclingprojekt


[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]

Es war einmal ein Königreich, in dem sich die Zeiten geändert hatten. Natürlich gab es noch immer prachtvolle Bälle, funkelnde Kronen und prächtige Kutschen. Doch mindestens genauso wichtig waren inzwischen Umweltschutz, Nachhaltigkeit und die Frage, ob man Dinge wirklich wegwerfen musste.

Und genau dort lebte Aschenputtel.

Die junge Frau, die einst Böden geschrubbt und die Erbsen aus der Asche gelesen hatte, war längst Königin geworden. Doch sie war keine Herrscherin, die den ganzen Tag auf einem goldenen Thron saß und sich Trauben reichen ließ. Nein, sie krempelte lieber die Ärmel hoch, ließ im Schloss Regenwasser sammeln, ersetzte Kerzen durch magische Energiesparlichter und gründete gemeinsam mit den königlichen Gärtnern das erste Umweltamt des Reiches.

Der Prinz schmunzelte oft darüber.

„Andere Königinnen sammeln Diamanten, sagte er.

„Ich sammle Ideen, antwortete Aschenputtel. „Die glitzern zwar weniger, halten aber länger.

Eines Frühlings beschloss sie, das Schloss gründlich auszumisten. Auf den Dachböden fanden sich verstaubte Ritterhelme, ein halber Drachenzahn, siebenunddreißig vergessene Teekannen und erstaunlich viele einzelne Socken. Während sie eine alte Truhe öffnete, blitzte plötzlich etwas zwischen vergilbten Ballprogrammen hervor.

Der verbliebene gläserne Schuh.

Aschenputtel hob ihn vorsichtig auf.

„Ach du meine Güte!

Der zweite Schuh war längst Geschichte. Der königliche Hofhund Bello hatte ihn vor Jahren für ein außergewöhnlich edles Kauspielzeug gehalten. Nach mehreren enthusiastischen Knabberattacken blieb davon leider nur glitzernder Glassand übrig.

Aschenputtel drehte den Schuh nachdenklich in den Händen.

„Was macht man bloß mit einem einzelnen Glasschuh?

Wegwerfen kam natürlich überhaupt nicht infrage. Schließlich predigte sie seit Jahren, dass jedes Ding eine zweite Chance verdiente.

Also setzte sie sich mit einer dampfenden Tasse Minztee an ihren Lieblingsplatz im Wintergarten. Sie kritzelte Entwürfe auf Pergament, verwarf sie wieder, zeichnete Blumenvasen, Kerzenhalter und Obstschalen.

Nichts überzeugte sie.

Bis ihr plötzlich ein Goldfisch aus dem Schlossbrunnen entgegenblinzelte.

„Natürlich!, rief sie so laut, dass selbst die Tauben vom Schlossturm erschrocken aufflatterten.

„Ein Aquarium!

Noch am selben Nachmittag herrschte geschäftiges Treiben. Die Hofglasbläser versiegelten den Schuh fachgerecht, die königlichen Tüftler bauten einen winzigen Filter ein, der mit Wasserkraft betrieben wurde, und der Hofgärtner setzte zarte Wasserpflanzen hinein. Schließlich zogen drei kleine Goldfische ein.

Sie bekamen selbstverständlich königliche Namen.

Sir Blubbington.

Lady Flosse.

Und Baron Goldglanz der Dritte.

Als das ungewöhnliche Kunstwerk im Schloss vorgestellt wurde, staunte der gesamte Hof.

„Ist das… wirklich ein Schuh?, fragte der Hofmarschall ungläubig.

„Ja, antwortete Aschenputtel stolz.

„Und darin… schwimmen Fische?

„Ganz richtig.

Der Prinz betrachtete das gläserne Meisterwerk von allen Seiten.

„Du hast also den berühmtesten Schuh der Märchengeschichte in ein Aquarium verwandelt?

Aschenputtel nickte.

„Warum denn nicht? Seine Tanzkarriere ist schließlich beendet.

Nach kurzem Nachdenken musste selbst der Prinz lachen.

„Eigentlich ist das genial.

Schon bald sprach sich die Nachricht im ganzen Königreich herum. Menschen reisten von weit her an, um den legendären Fischschuh zu bestaunen. Kinder drückten ihre Nasen an das Glas und winkten den Goldfischen zu. Alte Märchenerzähler behaupteten sogar, die kleinen Bewohner würden Walzer tanzen, sobald irgendwo im Schloss Musik erklang.

Ob das wirklich stimmte?

Nun, darüber waren sich die Gelehrten bis heute nicht einig.

Neben dem Aquarium entstand bald eine ganze Ausstellung ungewöhnlicher Upcycling-Ideen. Der Kürbis der guten Fee wurde nach seiner letzten Kutschfahrt zu einem solarbetriebenen Komposter umgebaut. Die Mäuse erhielten ein luxuriöses Käsehotel aus alten Kutschenrädern, und die gute Fee eröffnete einen Workshop mit dem Titel:

„Zaubern ist gut – Wiederverwenden ist besser.

Aschenputtel lächelte jedes Mal, wenn sie an ihrem Glasschuh vorbeikam.

Er hatte sie einst zu ihrem großen Glück geführt.

Jetzt zeigte er allen, dass selbst die schönsten Erinnerungen nicht in einer Vitrine verstauben müssen. Manchmal beginnt ihre eigentliche Geschichte erst dann, wenn man ihnen eine neue Aufgabe gibt.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schwimmen Sir Blubbington, Lady Flosse und Baron Goldglanz der Dritte noch heute fröhlich ihre Runden im wohl berühmtesten Aquarium der Märchenwelt – stilvoll, königlich und mit Brief und Siegel als das erste offiziell ausgezeichnete Cinderella-Recyclingprojekt des Reiches.



 © Anne Seltmann




Anne Seltmann 09.07.2026, 09.42 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Miau-velous Moments N° 66



Die Sache mit dem Flugzeug 

„Ich war‘s nicht.

So begann die Geschichte.

Und genau das machte alle misstrauisch.

Niemand hatte die Katze überhaupt etwas gefragt.

Neben ihr stand ein kleines Holzflugzeug.

Auf dem Teppich lagen verstreut einige Bauklötze, ein Stoffhase ohne Ohr und ein Puppenschuh an einem Ort, an dem Puppenschuhe normalerweise nicht vorkommen.

„Was ist hier passiert?, fragte Svantje.

Die Katze blinzelte.

Einmal.

Langsam.

Unschuldig.

Sehr unschuldig.

Verdächtig unschuldig.

„Miau.

Das half ihrer Verteidigung nicht.

Denn die Erfahrung zeigte: Immer wenn irgendwo etwas umgefallen, verschwunden oder auf geheimnisvolle Weise den Standort gewechselt hatte, befand sich die Katze zufällig in unmittelbarer Nähe.

So auch heute.

Die Ermittlungen dauerten etwa fünf Minuten.

Dann stellte sich heraus, dass der kleine Bruder das Flugzeug selbst dort abgestellt hatte.

Die Katze war tatsächlich unschuldig.

Wie meistens.

Also zumindest häufiger, als ihr unterstellt wurde.

Den Rest des Tages lag sie neben dem Flugzeug und genoss ihren Freispruch.

Allerdings mit dem Gesichtsausdruck einer Katze, die genau weiß:

Morgen bietet sich bestimmt wieder eine Gelegenheit.






Anne Seltmann 17.06.2026, 11.21 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Welttag der Krokodile – World Crocodile Day oder World Croc Day



[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]





Das Krokodil mit den schlechten Manieren

Im Zoo gab es ein Krokodil namens Kurt.

Kurt hatte ein Problem.

Er grinste ständig.

Nicht, weil er besonders fröhlich war.
Nicht, weil er gute Witze kannte.

Er sah einfach immer so aus.

„Du musst freundlicher wirken, sagte der Pfleger.

„Ich wirke doch freundlich, antwortete Kurt.

„Nein, sagte der Pfleger. „Du wirkst, als würdest du überlegen, wen du als Nächstes verspeist.

Also besuchte Kurt einen Benimmkurs.

Dort lernte er:

höflich nicken,

anderen den Vortritt lassen,

und beim Smalltalk niemanden anzustarren.

Nach drei Wochen war er stolz auf seine Fortschritte.

Als eine Schulklasse vorbeikam, lächelte er besonders freundlich.

Die Kinder schrien.

Die Lehrerin schrie.

Der Hausmeister schrie vorsichtshalber mit.

Kurt seufzte.

„Das läuft nicht optimal.

Schließlich gab er auf und setzte sich wieder an seinen Teich.

Dort traf er eine alte Schildkröte.

„Weißt du, sagte sie, „manche Gesichter werden einfach missverstanden.

„Meins zum Beispiel?

„Genau. Und meins sieht aus, als würde ich seit 200 Jahren über Steuererklärungen nachdenken.

Da mussten beide lachen.

Zumindest glaubte die Schildkröte, dass Kurt lachte.

Bei Krokodilen weiß man das nie so genau.

 

© Anne Seltmann

 




Anne Seltmann 17.06.2026, 08.51 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Juna und der Orca



[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]



Juna hatte schon immer das Gefühl, dass das Meer sie kannte.

Nicht nur mochte.

Nicht nur duldete.

Nein – es kannte sie, wie man einen Namen kennt, der einem einmal wichtig war.

Jeden Abend ging sie an den Steg, setzte sich und sprach mit den Wellen, als könnten sie antworten.

„Wenn du Geheimnisse hast, sagte sie zum Meer,

„dann darfst du sie mir erzählen.

Eines Abends war das Wasser ungewöhnlich still.

Der Wind hatte aufgehört, an den Dünen zu zupfen, und selbst die Möwen schienen zu lauschen.

Dann brach etwas Dunkles durch die Oberfläche.

Ein Rücken, schwarz wie Mitternacht.

Eine Flosse, hoch und glänzend.

Ein Orca.

Juna hielt den Atem an.

Der Orca kam näher, langsam, lautlos, bis seine Augen sie fanden – tief, klug, beinahe menschlich.

„Du hast lange genug gefragt, sagte eine Stimme.

Juna sah sich um.

Niemand war da.

„Hier, sagte die Stimme wieder, warm wie tiefer Donner.

Der Orca neigte den Kopf.

„Manchmal antwortet das Meer.

Juna trat bis zu den Knöcheln ins Wasser.

„Kannst du sprechen?

„Nur mit denen, die zuhören können.

Von diesem Abend an kam der Orca jede Nacht.

Er erzählte ihr von Städten aus Korallen unter dem Meer,

von Schiffen, die auf dem Grund schlafen,

von Walen, die Lieder kennen, älter als jede Sprache.

Und Juna erzählte ihm von der Welt an Land:

von Vögeln, die im Regen baden,

von Apfelkuchen,

und davon, wie sich Einsamkeit manchmal anfühlt.

 

„Die Menschen glauben oft, sagte der Orca eines Nachts,

„dass sie allein sind mit dem, was sie fühlen.

Dabei trägt jedes Wesen seine eigene Tiefe.

Juna legte die Hand auf seine nasse Stirn.

„Wirst du immer kommen?

Der Orca schwieg lange.

Dann sagte er:

„Nichts, was magisch ist, bleibt für immer.

Aber manches bleibt lange genug, um ein Herz zu verändern.

 

Und eines Morgens war das Meer wieder nur Meer.

Der Orca kam nicht mehr.

Doch wann immer Juna später Angst hatte,

oder sich klein fühlte in einer lauten Welt,

ging sie an den Strand.

Und irgendwo weit draußen

hob sich manchmal eine schwarze Flosse

für einen einzigen Augenblick

aus den Wellen.

Nur damit sie wusste:

 

Manche Freundschaften

verschwinden nicht.

Sie lernen nur, aus der Ferne zu leuchten.


© Anne Seltmann




Anne Seltmann 14.04.2026, 16.37 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Miesepiet Teil V.



[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann] 




Miesepiet war gerade dabei, sich über den viel zu sonnigen Vormittag zu ärgern, als er sie sah.
Neben einer "riesigen Kirsche", die völlig unangemessen fröhlich rot glänzte, stand ein Erdmännchen-Weibchen. Auf dem Kopf trug sie einen "Strohhut mit Blumen", als hätte sie ihn nur angezogen, um sich noch entschlossener gegen gute Laune zu wehren.

Sie stiefelte im Kreis um die Kirsche herum und murmelte vor sich hin.
„Zu groß, knurrte sie. „Viel zu groß. Wer braucht denn bitte so eine Kirsche.

Miesepiet blieb stehen.
Endlich jemand mit Verstand.

„Genau, sagte er. „Völlig übertrieben. Und bestimmt sauer.

Das Weibchen blieb abrupt stehen und musterte ihn. Ihre Augen waren genauso mürrisch wie seine, nur ein kleines bisschen neugieriger.

„Du bist also auch keiner von denen, die alles gleich toll finden?, fragte sie.

„Im Gegenteil, sagte Miesepiet. „Ich finde fast alles unnötig.

Sie nickte zufrieden.
„Ich heiße übrigens Frieda, sagte sie. „Und ich bin grundsätzlich missmutig.

Das gefiel Miesepiet außerordentlich.

Gemeinsam setzten sie sich in den Schatten der Kirsche. Nicht, um sie zu bewundern – sondern um sich darüber zu beschweren, wie unpraktisch sie war. Zu rund. Zu prall. Zu optimistisch.

Doch während sie schimpften, passierte etwas Seltsames.
Das Schimpfen wurde ruhiger.
Die Pausen länger.
Und irgendwann lachten sie. Ganz kurz nur. Fast aus Versehen.

„Merkwürdig, murmelte Frieda. „Zu zweit ist das Missmutigsein irgendwie… weniger anstrengend.

Miesepiet dachte nach.
Das gefiel ihm gar nicht.
Und irgendwie doch.

Sie beschlossen, noch ein Stück gemeinsam weiterzustiefeln.
Nicht, weil sie plötzlich gut gelaunt waren.
Sondern weil es einfacher war, gemeinsam schlecht gelaunt zu sein.

Und die riesige Kirsche?
Die blieb zurück – ein bisschen beleidigt, aber das war sie ja inzwischen gewohnt. 


© Anne Seltmann


Anne Seltmann 31.01.2026, 09.50 | (2/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Miesepiet Teil III.





[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]


 

"Was kommt als Nächstes? Blümchenmuster? Gute Laune?" murrte Miesepiet erst kürzlich  und schon fiel sein Blick auf sich selbst. Der Strohhut mit den kleinen Blümchen wippte auf seinem Kopf, das rosa T-Shirt spannte sich ein wenig über seine Brust, und das rosa Halstuch flatterte bei jeder seiner Bewegung.

"Ich… ich sehe aus wie ein wandelnder Frühling!" knurrte er und versuchte, die Hände in die Taschen zu stecken – vergeblich, das rosa Halstuch flatterte ihm immer wieder ins Gesicht.

Seine Freundin Flitzeflink kicherte von seiner Schulter: "Na los, Miesepiet, ein bisschen Farbe schadet doch nicht!"

"Farbe schadet nicht?" brummte Miesepiet. "Es zerstört meine Würde!"

Er stapfte in den Garten, um wenigstens ein bisschen "ernst" zu wirken. Doch kaum trat er zwischen die Blumenbeete, flatterten Schmetterlinge um ihn herum - offenbar angezogen von seinem Hut - und ein Hase hüpfte ihm quer über die Füße.

"Verdammt noch mal!", schimpfte Miesepiet, während er versuchte, den Hasen wegzuscheuchen, aber stattdessen stolperte er beinahe über das rosa Halstuch. Flitzeflink zwitscherte vor Freude: "Schau ihn an! Du siehst aus wie ein Frühlingstanz auf zwei Beinen!"

Miesepiet riss die Arme hoch, um seine Würde zu retten, aber genau in diesem Moment sprang ein anderer kleiner Vogel auf seinen Hut und zwitscherte ein Lied, das perfekt zum rosa Outfit passte. "Ich schwöre…“, knurrte er, "dieser Tag hat sich gegen mich verschworen!"

Doch dann geschah etwas Unglaubliches: Die Nachbarskinder traten aus dem Garten, lachten und riefen: "Miesepiet, du siehst fantastisch aus! So fröhlich!"

Er spürte, wie sein sonst so mürrisches Herz ein winziges bisschen schmolz. "Hmpf… vielleicht… ein ganz kleines bisschen… okay", murmelte er und senkte den Kopf, um seine roten Backen zu verbergen. Flitzeflink zwitscherte triumphierend: "Siehst du? Ich habe es dir doch gesagt! Rosa macht fröhlich!"

Miesepiet seufzte. "Na schön… aber nur heute. Morgen…", er deutete auf den Strohhut, „…kommt wieder Matrosenblau. Und Grau. Ganz viel Grau."

Aber heimlich, ganz heimlich, zwinkerte er dem Spiegel zu - und der Strohhut wippte, als hätte er Miesepiet selbst zum Lächeln gebracht.


© Anne Seltmann

 




Anne Seltmann 25.01.2026, 06.32 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL