Tag: Lyrik

Der große Wal glitt langsam durch das tiefe Blau des Meeres, ruhig und majestätisch, als trüge er die Gelassenheit aller Ozeane in sich. Um ihn herum wirbelten unzählige kleine Goldfische wie flüssiges Sonnenlicht durchs Wasser. Sie tanzten um den stillen Giganten, neugierig, verspielt und ohne Angst.
Der Wal schien ihre hastigen Bewegungen kaum wahrzunehmen. Mit jedem langsamen Schlag seiner mächtigen Fluke zog er weiter durch das endlose Blau, als kenne er Wege, die älter waren als jeder Sturm und tiefer als jede Erinnerung. Auf seinem Rücken glitten silberne Lichtreflexe wie wandernde Wolken über dunkles Gestein.
Die Goldfische dagegen waren reine Unruhe. Mal schossen sie wie goldene Pfeile auseinander, mal sammelten sie sich zu leuchtenden Schwärmen, die im Sonnenlicht funkelten wie verstreute Münzen auf dem Meeresgrund. Einige wagten sich dicht an das Auge des Wals heran, als wollten sie herausfinden, welche Geheimnisse sich darin verbargen.
Doch in diesem Auge lag keine Bedrohung. Nur Ruhe. Eine uralte, beinahe traurige Ruhe, wie sie nur Wesen kennen, die seit Jahrhunderten die Ozeane durchwandern.
Manchmal öffnete der Wal langsam sein riesiges Maul und ließ gewaltige Wasserströme an sich vorbeiziehen. Die kleinen Goldfische flohen dann erschrocken auseinander, kehrten aber kurz darauf wieder zurück, als hätten sie verstanden, dass dieser sanfte Riese keinem Lebewesen etwas zuleide tun wollte.
Über ihnen brach das Sonnenlicht durch die Wasseroberfläche und verwandelte das Meer in eine schimmernde Welt aus Blau, Türkis und Gold. Es war, als hätte die Stille selbst begonnen zu leuchten.
Und während der Wal weiter durch die Tiefe zog, folgten ihm die kleinen Goldfische wie tanzende Gedanken…leicht, flüchtig und voller Leben.
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 08.05.2026, 10.07 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


flieg
kleiner schmetterling
durch die ränder des tages
wo das licht
nicht entscheidet
ob es bleiben will
deine bewegung
ein tastendes schreiben
in die luft
kein plan
nur richtung
die sich beim fliegen ergibt
du streifst
an dingen vorbei
die namen haben
und lässt sie
unberührt zurück
so le icht
dass selbst der wind
dich kaum festhalten kann
flieg
bis auch das sehen
dich verliert
und nur noch
ein leises
vielleicht
übrig bleibt

Anne Seltmann 07.05.2026, 06.23 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


Morgennebel
die dinge
treten zurück
als wollten sie
sich selbst
nicht stören
ein tropfen
hält kurz
am rand
zögert
oder erinnert sich
dann
gleitet er
nicht nach unten
eher
aus der form
in die stille des windes
die nichts sagt
und doch
alles trägt
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 01.05.2026, 06.00 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL


die pusteblume
hält ihre zerbrechlichkeit
offen
kein festhalten
nur fäden
die sich erinnern
wie leicht etwas wird
an jeder spitze
ein tropfen
als hätte der morgen
sich verfangen
sie wartet nicht
auf wind
sie ist schon
im gehen
nur noch
nicht ganz
und du
siehst ihr zu
wie etwas bleibt
indem es sich löst
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 23.04.2026, 05.55 | (4/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


Zwischen dir und dem Wind
so viel himmel
zwischen den linien
die segel
halten wind
ohne ihn zu besitzen
weiß
gegen blau
ein gespannter zustand
du siehst nach oben
und verlierst
den boden
nicht ganz
nur genug
um zu ahnen
dass richtung
nicht festliegt
sondern entsteht
im ziehen
im nachgeben
im offenen
zwischen dir
und dem wind
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 22.04.2026, 22.00 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Juna hatte schon immer das Gefühl, dass das Meer sie kannte.
Nicht nur mochte.
Nicht nur duldete.
Nein – es kannte sie, wie man einen Namen kennt, der einem einmal wichtig war.
Jeden Abend ging sie an den Steg, setzte sich und sprach mit den Wellen, als könnten sie antworten.
„Wenn du Geheimnisse hast, sagte sie zum Meer,
„dann darfst du sie mir erzählen.
Eines Abends war das Wasser ungewöhnlich still.
Der Wind hatte aufgehört, an den Dünen zu zupfen, und selbst die Möwen schienen zu lauschen.
Dann brach etwas Dunkles durch die Oberfläche.
Ein Rücken, schwarz wie Mitternacht.
Eine Flosse, hoch und glänzend.
Ein Orca.
Juna hielt den Atem an.
Der Orca kam näher, langsam, lautlos, bis seine Augen sie fanden – tief, klug, beinahe menschlich.
„Du hast lange genug gefragt, sagte eine Stimme.
Juna sah sich um.
Niemand war da.
„Hier, sagte die Stimme wieder, warm wie tiefer Donner.
Der Orca neigte den Kopf.
„Manchmal antwortet das Meer.
Juna trat bis zu den Knöcheln ins Wasser.
„Kannst du sprechen?
„Nur mit denen, die zuhören können.
Von diesem Abend an kam der Orca jede Nacht.
Er erzählte ihr von Städten aus Korallen unter dem Meer,
von Schiffen, die auf dem Grund schlafen,
von Walen, die Lieder kennen, älter als jede Sprache.
Und Juna erzählte ihm von der Welt an Land:
von Vögeln, die im Regen baden,
von Apfelkuchen,
und davon, wie sich Einsamkeit manchmal anfühlt.
„Die Menschen glauben oft, sagte der Orca eines Nachts,
„dass sie allein sind mit dem, was sie fühlen.
Dabei trägt jedes Wesen seine eigene Tiefe.
Juna legte die Hand auf seine nasse Stirn.
„Wirst du immer kommen?
Der Orca schwieg lange.
Dann sagte er:
„Nichts, was magisch ist, bleibt für immer.
Aber manches bleibt lange genug, um ein Herz zu verändern.
Und eines Morgens war das Meer wieder nur Meer.
Der Orca kam nicht mehr.
Doch wann immer Juna später Angst hatte,
oder sich klein fühlte in einer lauten Welt,
ging sie an den Strand.
Und irgendwo weit draußen
hob sich manchmal eine schwarze Flosse
für einen einzigen Augenblick
aus den Wellen.
Nur damit sie wusste:
Manche Freundschaften
verschwinden nicht.
Sie lernen nur, aus der Ferne zu leuchten.
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 14.04.2026, 16.37 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL
Die Reise der verlorenen Wünsche

In der folgenden Nacht konnte Pina nicht schlafen.
Der Mond lag wie ein silbernes Versprechen über der Wiese, und etwas zog an ihr – leise, kaum spürbar, aber doch unübersehbar. Es war, als würde der Wind ihren Namen kennen.
„Pina…
Sie setzte sich auf, lauschte.
Da war es wieder. Kein Geräusch, kein Wort – eher ein Gefühl. Ein Ziehen in ihrem Herzen, leicht wie ein Hauch.
Sie flog los.
Über Gräser, die im Mondlicht schimmerten, über Blüten, die sich längst geschlossen hatten. Und dann sah sie sie.
Die Samen der Pusteblume.
Doch sie tanzten nicht mehr frei im Wind. Einige hingen schwer in der Luft, als hätten sie sich verirrt. Andere lagen still im Gras, als hätten sie ihren Weg verloren.
Pina flog näher.
„Was ist mit euch geschehen?, fragte sie leise.
Ein kaum hörbares Flüstern antwortete:
„Die Wünsche… wurden nicht zu Ende gedacht.
Pina runzelte die Stirn. „Was bedeutet das?
„Manche Wünsche, wisperte ein Samen, „werden begonnen… aber nicht geglaubt.
Die kleine Elfe spürte, wie etwas in ihr still wurde.
Sie streckte vorsichtig ihre Hand aus und berührte einen der Samen.
Augenblicklich sah sie Bilder.
Ein Kind, das sich etwas wünschte – und dann vergaß.
Ein Mensch, der hoffte – und dann zweifelte.
Ein Traum, der begann – und nicht weiterging.
Pina zog die Hand zurück.
„Können sie ihren Weg nicht allein finden?
„Nur, wenn jemand ihnen hilft, wieder leicht zu werden.
Die Elfe sah in den Himmel. Der Mond schwieg, aber sein Licht schien heller zu werden.
„Dann…, sagte Pina langsam, „bleibe ich bei euch.
Sie setzte sich ins Gras und begann, ganz leise, die Wünsche weiterzudenken.
Für jeden Samen ein kleines bisschen Hoffnung.
Für jeden Traum ein Stück Vertrauen.
Und nach und nach begannen die Samen wieder zu leuchten.
Erst schwach.
Dann stärker.
Einer nach dem anderen hob sich in die Luft, als hätten sie sich erinnert, wie man fliegt.
Pina lächelte.
„Geht nur, flüsterte sie. „Die Welt wartet auf euch.
Und als der erste Morgenhauch über die Wiese strich, war kein einziger verlorener Wunsch mehr zurückgeblieben.
Nur Pina saß noch da.
Und diesmal wusste sie ganz sicher:
Zauber war nicht nur etwas, das man findet.
Manchmal war er etwas,
das man weiterträgt.
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 14.04.2026, 06.12 | (0/0) Kommentare | TB | PL


sie stehen nicht lange
und doch stehen sie
als hätten sie zeit
ein rund
aus weiß
so leicht
dass es fast schon
verschwindet
im sehen
man könnte glauben
sie warten
aber worauf
nicht auf uns
nicht auf das bleiben
eher
auf ein lösen
der wind kommt
ohne sich anzukündigen
streift nur
und schon beginnt es
kein plötzlich
kein bruch
mehr ein nachgeben
ein samen
dann noch einer
als würde sich etwas erinnern
dass es nie gehalten war
sie gehen
nicht weg
sie verteilen sich
in richtungen
die niemand benennt
und das feld
verändert sich
ohne sich zu bewegen
es wird leerer
und gleichzeitig weiter
man steht davor
und versteht es nicht ganz
dieses
fast
dieses
gleich nicht mehr
und doch
bleibt etwas
nicht sichtbar
nicht greifbar
eher ein wissen
dass nichts
dafür gemacht ist
zu bleiben
und dass genau darin
eine form
von leichtigkeit liegt
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 09.04.2026, 05.58 | (4/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Sie war neugierig, flink und kannte jede Blume beim Namen – dachte sie zumindest.
Eines Morgens blieb sie verwundert stehen.
Vor ihr wuchs eine Pflanze, die sie so noch nie beachtet hatte. Ein dünner Stängel, darauf eine runde, weiße Kugel, so leicht, dass sie bei jedem Hauch zu zittern schien.
„Was bist du denn?, fragte Pina und neigte den Kopf.
„Ich bin nur eine Pusteblume, wisperte es leise.
„Nur?, wiederholte die Elfe und trat näher. „Du siehst aus wie ein kleines Geheimnis.
Die Pusteblume schwieg einen Moment, dann löste sich ein einzelnes Samenkorn und tanzte in die Luft.
Pina folgte ihm mit den Augen. Und da geschah etwas Seltsames.
Für einen winzigen Augenblick veränderte sich die Welt.
Die Wiese leuchtete heller. Die Luft schimmerte. Und Pina hatte das Gefühl, als würde sie sich an etwas erinnern, das sie nie erlebt hatte.
„Warst du das?, flüsterte sie.
„Vielleicht, antwortete die Pusteblume sanft. „Vielleicht trage ich Wünsche.
„Wünsche? Aber die erfüllen doch nur wir Elfen!, sagte Pina erstaunt.
Ein leises Lachen ging durch die feinen Samen.
„Ihr Elfen gebt den Wünschen eine Stimme, sagte die Blume. „Ich gebe ihnen Flügel.
Wieder löste sich ein Samen, dann noch einer, und noch einer. Sie stiegen auf, getragen vom Wind, und mit jedem einzelnen wurde die Welt ein kleines bisschen weiter, ein kleines bisschen heller.
Pina setzte sich ins Gras und sah zu.
„Und wenn niemand sich etwas wünscht?, fragte sie nach einer Weile.
„Dann trage ich Träume, antwortete die Pusteblume.
Die Elfe lächelte. So etwas hatte sie noch nie gehört. Eine Blume, die Wünsche fortträgt, leise, unsichtbar, ohne dass jemand es merkt.
„Du bist gar nicht nur eine Pusteblume, sagte sie schließlich.
„Nein, flüsterte die Blume. „Aber die meisten sehen nicht genau hin.
Der Wind wurde stärker.
Die weiße Kugel löste sich langsam auf, ein Samen nach dem anderen, bis nur noch der Stängel blieb.
Pina blieb noch lange sitzen.
Und als sie später davonflog, nahm sie sich vor, von nun an jede noch so kleine Blume genau anzusehen.
Denn vielleicht, dachte sie,
war die Welt voller Zauber –
man musste nur lernen, ihn zu erkennen.
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 07.04.2026, 09.05 | (0/0) Kommentare | TB | PL


der wald
ist kein ort
er geschieht
zwischen rinde und atmung
ein licht
das nicht fällt
sondern tastet
unter den füßen
das weiche gedächtnis
aus nadeln
aus jahren
ein knacken
(oder war es nur
mein denken?)
moos legt
seine kühle hand
auf den stein
und alles
was ich sagen wollte
zieht sich zurück
in wurzeln
der wald spricht nicht
er sammelt
atem
harz
schatten
und gibt mich
langsamer
zurück
als ich kam.
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 26.02.2026, 06.20 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL