Blogeinträge (Tag-sortiert)

Tag: Lyrik

Hinnerk und der ganz normale Ostsee-Wahnsinn

[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]


Eine Möwengeschichte aus Kiel

Hinnerk war eine waschechte Ostsee-Sturmmöwe. Sein Zuhause war die Kieler Förde, wo er zwischen Segelbooten, Fischkuttern und kreischenden Möwenkollegen lebte. Er hatte eine ausgesprochen freche Schnauze, zwei viel zu große Füße und war der festen Überzeugung, dass die gesamte Kieler Förde eigentlich ihm gehörte.

Jeden Morgen begann sein Tag mit drei wichtigen Dingen: erstens ordentlich ausschlafen, zweitens nachsehen, ob irgendwo ein Fischbrötchen unbeaufsichtigt herumlag, und drittens sich über das Wetter beschweren.

„Also wirklich!, krächzte er an diesem Morgen. „Schon wieder Wind! Kann man hier nicht einmal in Ruhe seine Federn sortieren?

Der Wind nahm das persönlich und blies ihm kurzerhand die Strickmütze vom Kopf.

Hinnerk flatterte hinterher, stolperte über eine alte Fischkiste und landete kopfüber in einem Eimer voller Ostseekrabben.

„Na wunderbar! Jetzt habe ich auch noch Besuch im Gefieder!

Eine Krabbe zwickte ihn in die Schwanzfeder.

„Unverschämtheit! Ich bin hier der Einheimische!

Nachdem er sich mühsam befreit hatte, entdeckte er am Hafen einen Mann mit einem riesigen Fischbrötchen. Hinnerk bekam sofort diesen besonderen Blick. Seine Augen wurden groß, der Schnabel ging leicht auf und sein Gehirn schaltete auf Fischbrötchenmodus.

Er näherte sich unauffällig. Also so unauffällig, wie eine Sturmmöwe mit flatterndem Schal und gelben Gummistiefeln eben sein kann.

Ein kurzer Flügelschlag, ein beherzter Schnabelstoß – und schon hatte er das Brötchen!

Dachte er zumindest.

Denn der Mann hielt das andere Ende fest.

Was folgte, war ein Tauziehen, wie es die Kieler Förde noch nicht erlebt hatte. Hinnerk zog, der Mann zog, das Brötchen bog sich bedenklich und schließlich flog die ganze Angelegenheit durch die Luft.

Das Fischbrötchen landete auf dem Kopf eines Touristen, der gerade ein Foto vom Marine-Ehrenmal machen wollte.

Hinnerk schaute kurz hin, legte den Kopf schief und krächzte:

„Na, wenigstens hat er jetzt auch was auf dem Kopf!

Am Nachmittag wollte er sich von den Strapazen erholen und setzte sich auf einen Poller an der Kiellinie. Doch kaum hatte er die Augen geschlossen, kam eine kräftige Böe über die Förde und blies ihn mitsamt seinem Schal fast ins Hafenbecken.

„Hilfe!, kreischte er. „Ich wollte doch gar nicht nach Laboe verreisen!

Ein vorbeifahrendes Segelboot sorgte schließlich dafür, dass Hinnerk wieder festen Boden unter die Füße bekam.

Er schüttelte sein Gefieder, richtete die Mütze und blickte würdevoll in die Runde.

„So, krächzte er. „Das war heute aber auch wieder ein ganz normaler Tag an der Kieler Förde.

Während die Sonne langsam hinter den Masten im Hafen verschwand, schmiedete Hinnerk bereits Pläne für den nächsten Tag.

Er hatte nämlich gehört, dass an der Kiellinie ein neuer Fischstand eröffnen sollte.

Und Hinnerk hatte noch nie einen Eröffnungstag verpasst.

Schon gar nicht, wenn es etwas umsonst gab!

Hinnerks Lebensmotto:

Der Wind ist mein Friseur, die Ostsee mein Badezimmer und fremde Fischbrötchen sind eine Frage der Gelegenheit.




Anne Seltmann 03.11.2026, 14.49 | (3/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Seelenstücke eines Clowns

[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]




wenn dir das leben
seine rauen hände
ins gesicht legt,

denk an den clown,

der das salz seiner tränen
hinter rotem samt verbirgt,
während seine finger
die sehnsucht aus der geige streichen.

ein zittern im bogen,
der duft von holz und dunkelheit,
ein ton, der sich
wie warmer regen
auf die wunde seele legt.

und sein lachen —
rot auf den lippen,
ein schmaler lichtstreif
im tiefen blau des schmerzes.

manchmal ist es die musik,
die uns aufrecht hält,
wenn das herz
mit geschlossenen augen
durch die dunkelheit tastet.

~*~

© Anne Seltmann






Anne Seltmann 28.10.2026, 06.26 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Freitag ist Fischtag N°36


[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]



Arvid saß schon eine ganze Weile auf dem alten Steg und hielt seine Angel ganz fest. Die Mütze war ihm ein bisschen zu groß, die Gummistiefel ein bisschen zu gelb – aber zum Angeln, fand er, passte beides ganz wunderbar. Plötzlich zupfte etwas an der Schnur. Arvid hielt den Atem an.

„Hab ich dich!, flüsterte er. Doch als er vorsichtig die Angel hochzog, baumelte dort ein kleiner Fisch im Wasser. Er schaute Arvid an. Arvid schaute zurück.

„Du bist aber klein. Der Fisch machte einen kleinen Sprung. Arvid musste lachen. „Na gut, sagte er, „du darfst wieder nach Hause. Er ließ die Schnur locker und der Fisch verschwand mit einem fröhlichen Platscher im See. Arvid setzte sich wieder hin und hielt die Angel ins Wasser. Vielleicht, dachte er, würde heute ja noch jemand anbeißen. Aber eigentlich war er schon zufrieden. Denn manchmal ist ein kleiner Fisch viel schöner als ein großer Fang.


© Anne Seltmann




Anne Seltmann 02.10.2026, 08.05 | (3/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Das Geheimnis der Samtblüte



Es war einmal, tief im Herzen eines verwunschenen Waldes, ein wunderschöner Garten. In diesem Garten lebte eine kleine Pflanzenfamilie. Sie alle gehörten zur selben Familie der Veilchen, doch die Natur hatte sie mit ganz unterschiedlichen Kleidern bedacht.

An der Spitze der Pflanze, dem Himmel am nächsten, wohnten zwei kleine Schwestern. Sie trugen zarte, bescheidene Kleider in einem tiefen, dunklen Blau, fast wie der Nachthimmel. Sie waren still, freundlich und teilten sich geduldig ein einziges, schmales grünes Kelchblatt als Bank. Die anderen Blumen im Garten nannten sie leise die „Stieftöchter, weil sie sich immer mit dem wenigsten Platz zufriedengaben und im Schatten der anderen standen.

In der Mitte des Stängels wohnten zwei weitere Schwestern. Ihre Kleider leuchteten in einem kräftigen, fröhlichen Lila. Sie waren stolz und hatten jede einen eigenen, bequemen Sessel aus grünen Kelchblättern für sich allein. Sie breiteten sich gerne aus und rutschten oft so weit nach oben, dass sie den beiden oberen Schwestern fast die Sicht auf die Sonne nahmen.

Ganz unten aber, auf dem größten und prächtigsten Platz von allen, thronte die Mutter. Ihr Kleid war das prachtvollste: ein riesiges, samtiges Blütenblatt, das in den leuchtendsten Farben von Gelb bis Dunkelpurpur erstrahlte. Sie saß majestätisch auf gleich zwei großen Kelchblättern und genoss die warme Sonne in vollen Zügen. Sie war so groß und dominant, dass sie ihre leiblichen Töchter in der Mitte beschützte, während sie die beiden oberen Schwestern kaum beachtete.

Eines Tages zog ein heftiger Herbststurm durch den Garten. Der Wind rüttelte an den Bäumen, und kalter Regen peitschte auf die Erde. Die stolzen Schwestern in der Mitte zitterten vor Angst und schoben sich dicht an ihre Mutter heran. Die Mutter breitete ihr großes, samtiges Gewand aus, um ihre beiden Lieblinge vor dem Sturm zu schützen.

Doch als sie nach oben blickte, sah sie die beiden kleinen, dunklen Schwestern ganz oben am Stängel. Sie hatten keinen Schutz, keinen breiten Schirm und hielten sich tapfer weinend im kalten Wind aneinander fest. In diesem Moment schmolz das stolze Herz der Mutter. Es tat ihr leid, dass sie die beiden oben so oft vernachlässigt hatte. Sie streckte sich so weit sie konnte nach oben, und auch die mittleren Schwestern machten sich ganz schmal, um den Wind abzufangen. Gemeinsam bildeten sie einen dichten, schützenden Wall aus bunten Farben.

Als der Sturm sich am nächsten Morgen legte, war die Blüte wie durch ein Wunder verwandelt. Sie waren durch die Rettungsaktion so dicht zusammengerückt, dass sie für immer zu einer einzigen, wunderschönen Blume verschmolzen waren. Die Farben hatten sich ineinander verwoben – das Gelb der Mutter, das Lila der Töchter und das tiefe Blau der Stieftöchter.

Ein Wanderer, der am Mittag an dem Garten vorbeikam, blieb staunend vor der neuen Blume stehen. Er betrachtete das kunstvolle Muster, die großen Sessel der unteren Blätter und die beiden bescheidenen Blättchen ganz oben, die sich nun für immer aneinander kuschelten. Er lächelte weise und sagte: „Hier hat eine Stiefmutter ihr Herz für alle ihre Kinder geöffnet.

Seit diesem Tag nennen die Menschen die farbenfrohe, treue Blume im Garten liebevoll das Stiefmütterchen. Sie erinnert uns daran, dass wahre Schönheit entsteht, wenn man zusammenhält – egal, auf welchem Platz man im Leben sitzt.





Anne Seltmann 27.09.2026, 14.48 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Marius Nature Thursday 2026 N° 20






Vierblättrig

im grünen meer
plötzlich dieses eine Blatt,
das anders zählt

vier blätter
statt drei.

als hätte die wiese
kurz den atem angehalten
und gesagt:

heute
darf etwas
mehr sein.

ich nehme es nicht mit,
ich lasse es wachsen
unter meinem blick.

denn vielleicht
ist glück gar nichts,
was man festhält,

sondern nur
der augenblick,
in dem man es
erkennt.

~*~

© Anne Seltmann








Anne Seltmann 24.09.2026, 08.12 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

…und dann jagen wir möwen hinterher




[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann] 




du rennst voraus
über den nassen strand
dort wo die wellen
ihre weißen ränder
in den sand schreiben
und gleich wieder verwischen

 

ich hinterher
mit salz auf den lippen
und einer muschel im schuh
die du selbstverständlich
für einen glücksbringer hältst

 

der wind zupft an deiner jacke
die gischt spritzt bis an die knie
und irgendwo draußen
schaukelt ein kutter
auf den dunklen wellen

 

wir bleiben kurz stehen
weil das meer heute
so blau ist
dass man fast hineinfallen möchte

 

dann findet sich
zwischen unseren füßen
ein stück treibholz
und du erklärst mir
dass es aussieht
wie ein ziemlich schlecht gelaunter wal

 

ich widerspreche
natürlich

 

wir lachen


eine möwe klaut dir beinahe
dein brötchen
und plötzlich ist es wieder da:

 

dieses kindliche
unvernünftige
herrliche glück

 

wir springen über die pfützen
rennen den brechenden wellen davon
sammeln drei gleiche steine
und behaupten
sie seien selten

 

der leuchtturm dreht sein licht
über den abend
die bojen klingeln draußen
und der horizont
zieht langsam seine blaue Decke
über das wasser

 

und dann jagen wir möwen hinterher

 

barfuß
mit nassen hosen
und viel zu großen lachen

 

bis wir beide
keinen schritt mehr können

 

und liegen bleiben
mit dem kopf im sand
und dem meer im ohr

 

und du sagst:

morgen wieder?

 

als gäbe es überhaupt
eine andere antwort.

~*~

© Anne Seltmann


 





Anne Seltmann 02.09.2026, 08.14 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Zoe und der Himmel voller Sterne




[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann] 



Zoe war ein kleiner Bär.

Nicht besonders groß, nicht besonders mutig und schon gar nicht besonders laut. Wenn andere Bären brummten, dass der Wald ihnen gehörte, sagte Zoe meistens gar nichts. Sie setzte sich lieber auf ihren kleinen Hügel, zog die Beine an den Körper und schaute hinauf zum Himmel.

Denn Zoe liebte die Sterne.

Jede Nacht kamen sie heraus, einer nach dem anderen. Manche waren hell und groß, andere so winzig, dass man sie beinahe übersehen konnte. Zoe aber übersah keinen einzigen.

Sie kannte ihre Lieblingssterne sogar beim Namen.

Da war der kleine Flimmerstern über dem alten Birkenwald. Der wandernde Stern, der jeden Abend ein Stück weiter nach rechts zu rücken schien. Und ganz oben, beinahe am Rand des Himmels, leuchtete ein besonders heller Stern.

Den nannte Zoe Hoffnung.

Warum, wusste sie selbst nicht genau.

Vielleicht, weil er immer da war.

Auch in den Nächten, in denen Wolken den Himmel verschluckten. Auch wenn der Wind heulte und Zoe sich unter ihrem alten roten Tuch verstecken musste. Und sogar dann, wenn sie selbst nicht wusste, wohin ihr Weg eigentlich führen sollte.

Eines Abends geschah etwas Merkwürdiges.

Zoe saß wie immer auf ihrem Hügel und betrachtete die Sterne, als plötzlich ein winziges Licht vom Himmel fiel.

Es fiel nicht schnell.

Es schwebte.

Erst sah es aus wie ein Staubkorn, dann wie eine Glühwürmchenlaterne und schließlich wie ein kleiner goldener Funke.

Plopp.

Der Funke landete direkt neben Zoes Pfote.

Zoe starrte ihn an.

Der Funke starrte zurück.

„Bist du ein Stern?, fragte Zoe vorsichtig.

„Noch nicht, antwortete der Funke.

Zoe erschrak so sehr, dass sie beinahe rückwärts den Hügel hinuntergerollt wäre.

„Du kannst sprechen!

„Du doch auch, sagte der Funke.

Das fand Zoe einleuchtend.

Eine Weile saßen die beiden einfach nebeneinander.

Dann erzählte der kleine Funke, dass er sich verirrt hatte. Er sollte eigentlich wieder zurück an den Himmel, aber er wusste nicht mehr, welcher Weg nach oben führte.

Zoe blickte hinauf.

Der Himmel war riesig.

Und plötzlich fühlte sich ihr eigener kleiner Körper noch kleiner an.

„Ich weiß auch nicht, wie man zum Himmel kommt, sagte sie.

„Aber du schaust jeden Abend hinauf.

„Ja.

„Dann weißt du mehr als ich.

Zoe musste lächeln.

Sie nahm den kleinen Funken vorsichtig in ihre Pfote und begann loszugehen.

Sie liefen durch das hohe Gras, vorbei an den schlafenden Bäumen und über einen kleinen Bach. Zoe wusste nicht, wohin sie gingen. Aber sie wusste, dass sie nicht aufgeben wollte.

Als sie den höchsten Punkt des Hügels erreichten, blieb Zoe stehen.

„Und jetzt?

Der Funke begann plötzlich heller zu leuchten.

Über ihnen öffnete sich eine kleine Lücke zwischen den Wolken.

Ein einzelner Stern strahlte hindurch.

Hoffnung.

„Da, sagte Zoe.

Der Funke hob sich aus ihrer Pfote.

„Danke.

„Kommst du wieder?, fragte Zoe.

„Immer wenn du nach oben schaust.

Und dann flog er hinauf.

Immer höher.

Bis er schließlich zwischen den Sternen verschwand.

Zoe blieb noch lange sitzen.

Sie sah zum Himmel und entdeckte dort einen neuen, winzig kleinen Stern.

Er war nicht besonders hell.

Aber er war da.

Zoe lächelte.

Seit dieser Nacht wusste sie etwas, das sie vorher nicht gewusst hatte:

Man muss nicht groß sein, um ein Licht zu finden.

Manchmal reicht es, den Blick zu heben.

Und manchmal reicht es sogar, für jemanden anderes ein kleines Licht zu sein.


© Anne Seltmann



Anne Seltmann 30.08.2026, 09.23 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Die Akte Möwe – Küstenkriminalität


[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]


Sie sehen harmlos aus.
Weiße Weste, unschuldiger Blick, ein bisschen Wind im Gefieder.

Lassen Sie sich nicht täuschen!

Möwen sind die Kleinkriminellen der Küste. Sie lauern auf Fischbrötchen, Pommes und Eis und haben dabei keinerlei Skrupel, sich über geltendes Eigentumsrecht hinwegzusetzen.

Der Ablauf ist immer derselbe:
Eine Möwe beobachtet das Opfer.
Eine zweite gibt das Zeichen.
Die dritte stürzt sich auf die Beute.

Und plötzlich fehlt die Hälfte vom Brötchen.

Das Perfide: Sie zeigen keinerlei Schuldbewusstsein. Statt sich davonzumachen, setzen sie sich drei Meter entfernt hin und schauen dich an, als wärst du gerade beim Klauen erwischt worden.

Bei Pommes kennen sie überhaupt keine Grenzen mehr. Da wird nicht gefragt, da wird konfisziert.

Und wehe, du wagst es, dein Essen zu verteidigen. Dann kommen Verstärkung und lautstarke Zeugen aus allen Himmelsrichtungen.

Ich sage euch:
Die organisierte Kriminalität hat Flügel bekommen – und sie kreischt.

Möwe Nummer 1: „Fischbrötchen gesichtet!
Möwe Nummer 2: „Wie groß?
Möwe Nummer 1: „Mit Zwiebeln!
Möwe Nummer 3: „Jungs, das wird ein Überfall.  

 




Anne Seltmann 29.08.2026, 10.43 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Der Sternschnuppenfänger



[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]

 

Ich habe neulich von einem Beruf gehört, den es eigentlich gar nicht geben dürfte: Sternschnuppenfänger.

Sein Name ist Emil und jeden Abend, wenn die Stadt langsam zur Ruhe kommt, steigt er mit seinem goldenen Netz hinauf zu seiner kleinen Plattform über den Wolken. Dort wartet er auf die Sternschnuppen, die über den Nachthimmel sausen. Sobald eine besonders helle auftaucht, schwingt Emil sein Netz und – schwupp – schon verschwindet sie darin.

Die gefangenen Sternschnuppen bewahrt er in kleinen Glasgefäßen auf. Sie leuchten darin wie winzige Feuerwerke und hinterlassen goldene Lichtkringel an den Glaswänden. Wenn jemand auf der Erde einen ganz besonderen Wunsch hat, bringt Emil ihm eine davon. Er stellt das Glas heimlich ans Fenster, klopft dreimal und verschwindet wieder. Denn Emil weiß: Ein Wunsch funktioniert nur, wenn man ihn nicht beobachtet.

Eines Nachts aber fängt Emil eine ganz besondere Sternschnuppe. Kaum steckt er sie in ein Glas, beginnt dieses heftig zu zittern.

„Lass mich raus!, flüstert sie.

Emil staunt. „Du kannst sprechen?

„Natürlich, antwortet die Sternschnuppe. „Du fängst uns schließlich ständig ein. Da darf man doch wenigstens mal etwas sagen.

Emil hebt vorsichtig den Deckel. „Und was möchtest du?

„Nach Hause.

„Und wo ist das?

Die Sternschnuppe zeigt nach oben. „Dort, wo alle Wünsche anfangen.

Emil denkt kurz nach und lässt sie frei. Sie schießt hinauf in den Himmel, wird kleiner und kleiner und verschwindet schließlich zwischen den Sternen.

Doch bevor sie endgültig verschwindet, ruft sie ihm zu: „Du darfst dir auch etwas wünschen!

Emil schaut lange in den Himmel. Dann lächelt er und sagt: „Ich wünsche mir, dass niemals jemand aufhört, an Wunder zu glauben.

In diesem Moment fällt eine kleine Sternschnuppe direkt vor seine Füße.

Emil hebt sie auf. Sie ist warm und glitzert in seiner Hand.

Seit dieser Nacht ist Emil übrigens kein Sternschnuppenfänger mehr.

Er sammelt Wünsche.

 


© Anne Seltmann

 



Anne Seltmann 20.08.2026, 08.30 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Am Ende aller Umwege



[Bild KI generiert / Text @ Anne Seltmann]


Vielleicht führt dein Weg
von der anderen Seite
des Berges herauf.

 

Meiner auch.

Wir wissen nichts voneinander,
während wir steigen.

 

Nur, dass irgendwo dort oben
der Himmel weiter wird.

 

Du trägst deine Jahre
wie Steine in den Taschen.
Ich meine
in den Händen.

 

Manchmal bleiben wir stehen,
um Atem zu holen,
und sehen zurück
auf das, was hinter uns liegt.

 

Die Täler.
Die Umwege.
Die Menschen,
die kamen und gingen.

 

Und keiner von uns weiß,
dass der andere
zur selben Zeit
weitergeht.

 

Bis wir uns
oben begegnen.

 

Kein großes Zeichen.
Kein Donner.
Kein Wunder,
das sich ankündigt.

 

Nur dein Blick.

Meiner.

Und plötzlich
ist da dieses leise Wissen:

 

Wir mussten
all diese Wege gehen,
damit genau dieser
uns zusammenführt.

 

Unter uns
liegen die Jahre.

 

Über uns
nur Himmel.

 

Und zwischen uns
ein Schweigen,
das nichts mehr erklären muss.

 

Vielleicht sagst du:

Da bist du ja.

 

Und ich antworte:

Ich weiß.

 

Ich habe
auf diesem Berg
schon lange
auf dich gewartet.


~*~


© Anne Seltmann




Anne Seltmann 14.08.2026, 08.45 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL