Blogeinträge (Tag-sortiert)

Tag: Lyrik

Lieber Papa!


[Bild mit Photoshop bearbeitet / Text © Anne Seltmann]



ich rechne
nicht oft
in jahren


und doch
kommt dieser tag
verlässlich zurück


wie die schwalben
wie der mohn
wie der erste frost


vierunddreißigmal
ist er gekommen

ohne dich


und noch immer
bleibt für einen augenblick
alles stehen

als müsse die zeit
selbst
nach dir suchen

im november
wärst du
einhundertvierzehn geworden

eine zahl
größer
als meine vorstellung

größer vielleicht
als die strecke
die zwischen uns liegt

ich sehe dich nicht
ich höre dich nicht


und dennoch
gibt es tage
an denen du
durch einen gedanken gehst
durch eine erinnerung
durch ein altes wort


als hättest du
den raum
nie ganz verlassen


dann sitze ich da
und staune
wie jemand
so lange fort sein kann
und dennoch
nicht verschwindet

~*~

© Anne Seltmann





Anne Seltmann 20.06.2026, 08.00 | (4/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Darf ich vorstellen?




[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]




Oh, ich sehe...mein letzter Beitrag ist vom Jahr 2025 und dabei hatte ich mich noch nicht einmal vorgestellt. Wie unhöflich von mir! Das will ich hiermit natürlich einmal tun:


Ich bin Aurelia von Sturmfeder, Eule aus altem Adel – mit Federn so fein wie Samt und einem Schnabel, der schon so manches Geheimnis belauscht hat. Meine Vorfahren flogen nicht nur majestätisch durch die Nacht, sondern hatten auch immer ein Auge auf den richtigen Tee und die besten Mäusevorräte.

Ich selbst bevorzuge stilvolle Ausflüge, elegante Gesellschaft und die kleinen Freuden des Lebens. Ein Besuch in einer charmanten Boutique, ein Nachmittag in einem feinen Café oder ein ausgedehnter Bummel durch die Stadt bereiten mir weit mehr Vergnügen als jede königliche Verpflichtung.

Man sagt, ich sei höflich, anmutig und stets tadellos gekleidet. Das mag stimmen. Allerdings bin ich auch neugierig, gelegentlich ein wenig eigensinnig und niemals weit von einem kleinen Abenteuer entfernt. Denn hinter jeder Tür, jedem Schaufenster und jeder Begegnung könnte sich eine Geschichte verbergen, die es wert ist, erzählt zu werden.

Ich liebe schöne Hüte, gut gefüllte Teetassen, interessante Gespräche und Menschen mit Humor. Übertriebene Eile hingegen halte ich für eine höchst zweifelhafte Erfindung.

Willkommen in meiner Welt – einer Welt voller Charme, kleiner Entdeckungen, feiner Manieren und überraschender Augenblicke. Machen Sie es sich bequem, begleiten Sie mich ein Stück des Weges und vergessen Sie nicht: Das Leben ist viel zu kostbar, um daran vorbeizueilen.

Ihre

Gräfin Aurelia von Sturmfeder

© Gräfin Aurelia von Sturmfeder aka Anne Seltmann



Anne Seltmann 19.06.2026, 10.03 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Miau-velous Moments N° 66



Die Sache mit dem Flugzeug 

„Ich war‘s nicht.

So begann die Geschichte.

Und genau das machte alle misstrauisch.

Niemand hatte die Katze überhaupt etwas gefragt.

Neben ihr stand ein kleines Holzflugzeug.

Auf dem Teppich lagen verstreut einige Bauklötze, ein Stoffhase ohne Ohr und ein Puppenschuh an einem Ort, an dem Puppenschuhe normalerweise nicht vorkommen.

„Was ist hier passiert?, fragte Svantje.

Die Katze blinzelte.

Einmal.

Langsam.

Unschuldig.

Sehr unschuldig.

Verdächtig unschuldig.

„Miau.

Das half ihrer Verteidigung nicht.

Denn die Erfahrung zeigte: Immer wenn irgendwo etwas umgefallen, verschwunden oder auf geheimnisvolle Weise den Standort gewechselt hatte, befand sich die Katze zufällig in unmittelbarer Nähe.

So auch heute.

Die Ermittlungen dauerten etwa fünf Minuten.

Dann stellte sich heraus, dass der kleine Bruder das Flugzeug selbst dort abgestellt hatte.

Die Katze war tatsächlich unschuldig.

Wie meistens.

Also zumindest häufiger, als ihr unterstellt wurde.

Den Rest des Tages lag sie neben dem Flugzeug und genoss ihren Freispruch.

Allerdings mit dem Gesichtsausdruck einer Katze, die genau weiß:

Morgen bietet sich bestimmt wieder eine Gelegenheit.






Anne Seltmann 17.06.2026, 11.21 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Welttag der Krokodile – World Crocodile Day oder World Croc Day



[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]





Das Krokodil mit den schlechten Manieren

Im Zoo gab es ein Krokodil namens Kurt.

Kurt hatte ein Problem.

Er grinste ständig.

Nicht, weil er besonders fröhlich war.
Nicht, weil er gute Witze kannte.

Er sah einfach immer so aus.

„Du musst freundlicher wirken, sagte der Pfleger.

„Ich wirke doch freundlich, antwortete Kurt.

„Nein, sagte der Pfleger. „Du wirkst, als würdest du überlegen, wen du als Nächstes verspeist.

Also besuchte Kurt einen Benimmkurs.

Dort lernte er:

höflich nicken,

anderen den Vortritt lassen,

und beim Smalltalk niemanden anzustarren.

Nach drei Wochen war er stolz auf seine Fortschritte.

Als eine Schulklasse vorbeikam, lächelte er besonders freundlich.

Die Kinder schrien.

Die Lehrerin schrie.

Der Hausmeister schrie vorsichtshalber mit.

Kurt seufzte.

„Das läuft nicht optimal.

Schließlich gab er auf und setzte sich wieder an seinen Teich.

Dort traf er eine alte Schildkröte.

„Weißt du, sagte sie, „manche Gesichter werden einfach missverstanden.

„Meins zum Beispiel?

„Genau. Und meins sieht aus, als würde ich seit 200 Jahren über Steuererklärungen nachdenken.

Da mussten beide lachen.

Zumindest glaubte die Schildkröte, dass Kurt lachte.

Bei Krokodilen weiß man das nie so genau.

 

© Anne Seltmann

 




Anne Seltmann 17.06.2026, 08.51 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Vergänglichkeit


[Bild KI generiert / Zitat © Anne Seltmann ]






Vergänglichkeit 

Zwischen Blühen und Verwehen liegt eine ganze Welt

~*~

© Anne Seltmann



Anne Seltmann 07.06.2026, 17.54 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Meerblau






manche farben
sieht man
und vergisst sie wieder

blau gehört nicht dazu

es bleibt
wie der geruch von salz
in einer jacke
nach einem tag am wasser

ich kenne dieses blau
seit ich denken kann

es lag über den wellen
über meinen kindertagen
über fragen
auf die niemand antworten musste

manchmal
sitzt es still
am rand der welt

dort
wo der horizont beginnt
und aufhört

blau erzählt
nicht von eilenden schritten
nicht von lärm
nicht von wichtigkeit

blau erzählt
vom bleiben
vom wind
der kommt
und weiterzieht

vom meer
das niemals dasselbe ist
und doch immer
meer bleibt

wenn ich an zuhause denke
denke ich nicht an mauern
nicht an straßen
nicht an eine adresse

ich denke
an dieses blau
an die weite
die mich klein macht
ohne mich zu verlieren
und an den himmel
der jeden tag
neu beginnt.

~*~

© Anne Seltmann



 


 




Anne Seltmann 05.06.2026, 06.15 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Der sanfte Riese des Meeres


[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]




Der große Wal glitt langsam durch das tiefe Blau des Meeres, ruhig und majestätisch, als trüge er die Gelassenheit aller Ozeane in sich. Um ihn herum wirbelten unzählige kleine Goldfische wie flüssiges Sonnenlicht durchs Wasser. Sie tanzten um den stillen Giganten, neugierig, verspielt und ohne Angst.

Der Wal schien ihre hastigen Bewegungen kaum wahrzunehmen. Mit jedem langsamen Schlag seiner mächtigen Fluke zog er weiter durch das endlose Blau, als kenne er Wege, die älter waren als jeder Sturm und tiefer als jede Erinnerung. Auf seinem Rücken glitten silberne Lichtreflexe wie wandernde Wolken über dunkles Gestein.

Die Goldfische dagegen waren reine Unruhe. Mal schossen sie wie goldene Pfeile auseinander, mal sammelten sie sich zu leuchtenden Schwärmen, die im Sonnenlicht funkelten wie verstreute Münzen auf dem Meeresgrund. Einige wagten sich dicht an das Auge des Wals heran, als wollten sie herausfinden, welche Geheimnisse sich darin verbargen.

Doch in diesem Auge lag keine Bedrohung. Nur Ruhe. Eine uralte, beinahe traurige Ruhe, wie sie nur Wesen kennen, die seit Jahrhunderten die Ozeane durchwandern.

Manchmal öffnete der Wal langsam sein riesiges Maul und ließ gewaltige Wasserströme an sich vorbeiziehen. Die kleinen Goldfische flohen dann erschrocken auseinander, kehrten aber kurz darauf wieder zurück, als hätten sie verstanden, dass dieser sanfte Riese keinem Lebewesen etwas zuleide tun wollte.

Über ihnen brach das Sonnenlicht durch die Wasseroberfläche und verwandelte das Meer in eine schimmernde Welt aus Blau, Türkis und Gold. Es war, als hätte die Stille selbst begonnen zu leuchten.

Und während der Wal weiter durch die Tiefe zog, folgten ihm die kleinen Goldfische wie tanzende Gedanken…leicht, flüchtig und voller Leben.



© Anne Seltmann





Anne Seltmann 08.05.2026, 10.07 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Flieg, kleiner Schmetterling








flieg
kleiner schmetterling
durch die ränder des tages

 

wo das licht
nicht entscheidet
ob es bleiben will

 

deine bewegung
ein tastendes schreiben
in die luft

 

kein plan
nur richtung
die sich beim fliegen ergibt

 

du streifst
an dingen vorbei
die namen haben

 

und lässt sie
unberührt zurück

 

so le icht
dass selbst der wind
dich kaum festhalten kann

 

flieg

bis auch das sehen
dich verliert

 

und nur noch
ein leises
vielleicht
übrig bleibt


~*~

© Anne Seltmann











Anne Seltmann 07.05.2026, 06.23 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Black and White Mai 2026





Morgennebel

die dinge
treten zurück
als wollten sie
sich selbst
nicht stören

 

ein tropfen
hält kurz
am rand

 

zögert
oder erinnert sich

 

dann
gleitet er

 

nicht nach unten
eher
aus der form

 

in die stille des windes

die nichts sagt
und doch
alles trägt

~*~


© Anne Seltmann








Anne Seltmann 01.05.2026, 06.00 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Marius Nature Thursday 2026 N° 12




[Aus dem Archiv]




die pusteblume
hält ihre zerbrechlichkeit
offen

kein festhalten
nur fäden
die sich erinnern
wie leicht etwas wird

an jeder spitze
ein tropfen

als hätte der morgen
sich verfangen

sie wartet nicht
auf wind

sie ist schon
im gehen

nur noch
nicht ganz

und du
siehst ihr zu
wie etwas bleibt
indem es sich löst


~*~

© Anne Seltmann











Anne Seltmann 23.04.2026, 05.55 | (4/0) Kommentare (RSS) | TB | PL