Tag: Umzug

Der Umzug
Tabby wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Seit dem frühen Morgen liefen Menschen durch die Wohnung. Sie trugen Kisten, schoben Möbel hin und her und öffneten ständig Türen, die sonst geschlossen blieben. Einer hatte sogar das Sofa von seinem Platz gerückt. Tabby saß zunächst unter dem Tisch und beobachtete das Ganze mit wachsender Skepsis.
Dann kam der große Karton.
Er wurde mitten ins Wohnzimmer gestellt, und obwohl er offensichtlich für etwas völlig anderes gedacht war, war Tabby überzeugt, dass er nun ihr gehörte. Sie sprang hinein, drehte sich zweimal im Kreis und legte sich demonstrativ darauf.
„Tabby, da müssen wir aber noch ein paar Sachen reinpacken, sagte ihre Besitzerin.
Tabby blinzelte.
Das war keine Antwort, die sie akzeptieren konnte.
Als wenig später auch ihr Lieblingssessel verschwand, wurde die Sache ernst. Tabby schlich von Zimmer zu Zimmer, immer dicht an den Füßen der Menschen vorbei. Schließlich fand sie einen perfekten Beobachtungsposten hinter dem Sessel. Von dort aus konnte sie alles sehen, ohne selbst gesehen zu werden.
Dachte sie zumindest. Ein großer weißer Schuh kam gefährlich nahe. Tabby duckte sich. Der Schuh ging vorbei. Sie wartete. Dann kam noch einer. Und noch einer.
Als schließlich jemand eine schwere Kiste genau vor ihrem Versteck abstellte, sah Tabby sich gezwungen, umzuziehen. Sie schlich ins Wohnzimmer und setzte sich mitten auf den Teppich. Dort blieb sie sitzen. Ganz still.
Mit diesem Blick, den nur Katzen beherrschen und der ungefähr sagte:
„Ich möchte nur darauf hinweisen, dass hier gerade ohne meine Zustimmung mein gesamtes Zuhause auseinandergebaut wird.
Am Abend war die Wohnung plötzlich ungewohnt leer. Die Menschen waren erschöpft, die letzten Kisten standen herum, und Tabby hatte sich unter einem Stuhl zusammengerollt.
Ihre Besitzerin setzte sich auf den Boden und streichelte sie.
„Keine Angst, Tabby. Morgen ist alles wieder schön. Tabby öffnete ein Auge. Sie glaubte kein Wort. Aber sie blieb liegen.
Denn solange ihre Menschen noch da waren, war die Wohnung schließlich noch ein bisschen ihr Zuhause.
Anne Seltmann 27.08.2026, 06.14 | (0/0) Kommentare | TB | PL