Tag: Schuhe

[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]
Seit Tagen steht sie im Regen. Nicht nur im Regen des Himmels, sondern im Regen aus schlechten Nachrichten, Vorurteilen und lauten Stimmen. Das Wasser steigt ihr bis an die Knöchel. Noch lächelt sie. Aber lange wird sie dort nicht stehen können.
Da kommt die Angst vorbei.
Sie blickt sich ständig um, sieht hinter jeder Ecke eine neue Gefahr und flüstert unaufhörlich: „Pass auf. Trau niemandem. Es wird alles schlimmer. Ihre Worte sind wie kalter Wind. Die Hoffnung beginnt zu frieren.
Kurz darauf erscheint der Spott.
Er lacht über alles, was freundlich ist. Er nennt Mitgefühl Naivität und Hilfsbereitschaft Schwäche. „Davon wird die Welt auch nicht besser, sagt er und geht kopfschüttelnd weiter. Die Hoffnung senkt den Blick.
Dann kommt die Eile.
Sie hat keine Zeit anzuhalten. Keine Zeit zuzuhören. Keine Zeit, eine Hand zu reichen. „Später vielleicht, ruft sie noch im Vorübergehen. Doch das Später kommt oft nie.
Gerade als die Hoffnung glaubt, niemand würde sie sehen, bleibt jemand stehen.
Es ist die Güte.
Sie fragt nicht, warum die Schuhe nass geworden sind. Sie hält keine langen Reden und sucht keine Schuldigen. Sie setzt sich einfach neben die Hoffnung, nimmt ihre kalten Hände in die eigenen und sagt leise: „Du bist nicht allein.
Das genügt.
Nach und nach bleiben weitere Menschen stehen. Einer bringt ein trockenes Paar Schuhe. Eine andere schenkt eine warme Decke. Jemand erzählt eine Geschichte, die Mut macht. Ein Kind lacht. Und plötzlich wird aus vielen kleinen Gesten etwas Großes.
Die Sonne kommt nicht auf einmal hervor.
Aber der Regen fühlt sich nicht mehr ganz so kalt an.
Die Hoffnung richtet sich auf, streift den Schlamm von den Schuhen und geht weiter. Nicht, weil die Welt über Nacht besser geworden ist, sondern weil sie erfahren hat, dass selbst das kleinste Licht heller leuchtet, wenn viele Menschen es gemeinsam tragen.
Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort: Nicht mit den Lautesten. Sondern mit denen, die stehen bleiben, wenn andere weitergehen.
Anne Seltmann 29.07.2026, 08.51 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Gesehen in Flensburg, als ich mit den Enkelbuben in der * Phänomenta war.
Das Phänomen, Schuhe über Seile, Stromleitungen oder gespannte Leinen zu werfen – oft "Shoefiti" genannt, ein Kofferwort aus Shoe und Graffiti – ist weltweit verbreitet, aber die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Menschen, die sie werfen.
Eine eindeutige Antwort gibt es nicht auf die Frage, warum das Menschen tun, aber viele Deutungen und Theorien. Hier sind die wichtigsten:
Manche sagen: Es ist ein Abschiedsritual.
Andere behaupten: pure Rebellion.
Oder ein stilles Gedenken.
Wieder andere sehen Kunst darin – und vielleicht ist es genau das:
Ein Zeichen ohne Bedienungsanleitung.
In den USA sollen solche Schuh-Leinen früher als
Reviermarkierung oder geheimer Code gedient haben.
Heute aber scheint es mir eher ein Spiel geworden zu sein. Ein Bild.
Eines, das hängen bleibt – im Wortsinn.
Ich hatte übrigens schon einmal >> Teebeutelkunst << auf meinem Blog – auch das ein Alltagsgegenstand mit überraschendem Doppelleben. Jetzt also Schuhe in luftiger Höhe. Wer weiß, was als Nächstes auftaucht: Zahnbürsten im Baum? Taschenlampen im Blumentopf?
Was bleibt:
Ich mag solche Fundstücke.
Sie erzählen keine fertigen Geschichten – aber sie laden uns ein, selbst eine
zu erfinden.
Und vielleicht ist das die schönste Art, Kunst zu begegnen: mitten im Alltag,
ohne Eintrittskarte.
[*Namensnennung mit Verlinkung...unbeauftragt und unbezahlt]
Anne Seltmann 26.07.2025, 08.47 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Anne Seltmann 21.06.2023, 06.31 | (4/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Anne Seltmann 21.04.2023, 07.29 | (4/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Anne Seltmann 15.03.2022, 07.36 | (9/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Anne Seltmann 09.06.2021, 01.00 | (6/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


Anne Seltmann 06.05.2017, 10.00 | (7/0) Kommentare (RSS) | TB | PL