Zum aktuellsten Eintrag

Einträge vom: 10.07.2026

Hand aufs Herz





Was stört mich – und warum?

Es gibt Dinge, die mich nicht nur für einen Augenblick ärgern. Sie beschäftigen mich länger, weil sie etwas Grundsätzliches über unseren Umgang miteinander erzählen.

  • Mich stören Machtspiele.

Nicht, weil ich Konflikte scheue – im Gegenteil. Unterschiedliche Meinungen gehören zum Leben. Sie bringen uns weiter, wenn wir bereit sind, einander zuzuhören. Was mich jedoch abstößt, ist der Versuch, andere kleinzumachen, um selbst größer zu wirken. Stärke zeigt sich für mich nicht in Überlegenheit, sondern in Respekt.

 

  •  Mich stört Oberflächlichkeit.

Wir leben in einer Zeit, in der oft nur noch Überschriften gelesen werden. Es wird schnell geurteilt, selten nachgefragt und noch seltener wirklich zugehört. Dabei steckt hinter jedem Menschen eine Geschichte, die wir nicht kennen.

 

  •  Mich stört Gleichgültigkeit.

Nicht jeder kann jedes Leid lindern. Aber Anteilnahme kostet nichts. Ein ehrliches „Wie geht es dir? oder ein offenes Ohr können manchmal mehr bewirken als gut gemeinte Ratschläge. Es macht mich traurig, wenn Menschen mit ihren Sorgen allein gelassen werden, weil sich das Leben der anderen einfach weiterdreht.

 

  • Mich stört Unverbindlichkeit.

Zusagen werden gemacht und vergessen. Nachrichten bleiben unbeantwortet. Verabredungen verlieren an Bedeutung. Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich finde, Zuverlässigkeit ist eine Form von Wertschätzung.

 

  • Mich stört Rücksichtslosigkeit.

Ob im Straßenverkehr, im Internet oder im Alltag – manchmal scheint es wichtiger geworden zu sein, Recht zu behalten, als freundlich zu sein. Dabei kostet Freundlichkeit so wenig und verändert oft so viel.

 

  • Mich stört Neid.

Nicht der Wunsch, etwas Schönes ebenfalls zu haben. Sondern das Missgönnen. Warum fällt es manchen Menschen so schwer, sich ehrlich mit anderen zu freuen? Ein Erfolg wird doch nicht kleiner, nur weil jemand anderes ebenfalls erfolgreich ist.

 

  • Mich stört Unehrlichkeit.

Ich kann mit einer unbequemen Wahrheit besser umgehen als mit einer schönen Lüge. Ehrlichkeit schafft Vertrauen – auch dann, wenn sie wehtut. Unehrlichkeit zerstört es oft dauerhaft.

 

  •  Mich stört Respektlosigkeit.

Vor Menschen. Vor Tieren. Vor der Natur. Vor Meinungen, die nicht den eigenen entsprechen. Respekt ist für mich keine Frage des Alters, des Berufs oder der Herkunft. Er ist eine Haltung.

Und ja – mich stört auch, dass wir oft so sehr auf das Große warten, dass wir das Kleine übersehen.

Ein Lächeln...Ein Dankeschön...Ein nettes Wort...Eine helfende Hand.

Vielleicht beginnt genau dort die Welt, die wir uns alle wünschen.

Ich glaube nicht, dass wir die Menschheit verändern können. Aber wir können entscheiden, wie wir einem einzelnen Menschen begegnen. Und vielleicht ist das am Ende viel mehr, als wir ahnen.

Denn jeder Tag gibt uns aufs Neue die Wahl:

Wollen wir Teil des Problems sein – oder Teil der Lösung?         

 




Anne Seltmann 10.07.2026, 17.21| (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL | einsortiert in: PerlenhafteProjekte | Tags: Hand aufs Herz, stört,

Das Rotkehlchen ...


[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]


...aus Evas Garten

Es war einmal ein kleines Rotkehlchen, das sich Evas Garten als Zuhause ausgesucht hatte.

Eines Frühlingsmorgens saß es plötzlich auf einem moosbewachsenen Stein unter dem alten Kirschbaum. Es schaute sich neugierig um, zwitscherte ein paar helle Töne und begann, als hätte es nie woanders gelebt, den Garten zu erkunden.

Eva ließ es gewähren.

Sie sprach nicht mit ihm und lockte es auch nicht an. Sie beobachtete einfach nur. Vom Küchenfenster aus. Oder mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse.

Das Rotkehlchen hüpfte zwischen den Blumenbeeten umher, suchte nach kleinen Insekten, flatterte auf den Gartenzaun und verschwand manchmal für Stunden in den Hecken. Doch jeden Tag kam es wieder zurück.

Mit der Zeit kannte Eva seine Lieblingsplätze.

Den alten Apfelbaum.

Den flachen Stein am Teich.

Die Gießkanne, auf deren Rand es besonders gern saß.

Und das kleine Beet mit den Ringelblumen.

Im Frühsommer bemerkte sie, dass das Rotkehlchen nicht mehr allein unterwegs war.

Zwischen den Sträuchern tauchten plötzlich winzige Federbällchen auf. Die Jungvögel waren noch etwas tapsig unterwegs, flatterten unbeholfen hinter ihren Eltern her und schienen über alles zu staunen, was der Garten zu bieten hatte.

Von Jahr zu Jahr wiederholte sich dieses kleine Wunder.

Manchmal war es dasselbe Rotkehlchen.

Manchmal vielleicht eines seiner Jungen.

Eva wusste es nicht.

Aber sie freute sich jedes Mal aufs Neue, wenn im Frühjahr wieder ein Rotkehlchen auf dem Gartenzaun landete und den Tag mit seinem fröhlichen Gesang begrüßte.

Im Laufe der Jahre wurde ihr Garten zu einem kleinen Paradies.

Nicht nur Rotkehlchen fanden den Weg dorthin.

Auch Meisen, Amseln, Zaunkönige, Spatzen und Finken schienen sich dort wohlzufühlen. Zwischen den Blüten summten Hummeln und Bienen, Schmetterlinge tanzten durch die warme Luft, und manchmal huschte sogar ein Igel in der Abenddämmerung durch das hohe Gras.

Eva hatte nie versucht, die Natur festzuhalten.

Sie ließ sie einfach sein.

Vielleicht war es genau das, was die Tiere spürten.

Und so wurde ihr Garten Jahr für Jahr ein Ort, an dem immer wieder neues Leben einzog.

Wenn im Frühling das erste Rotkehlchen auf dem vertrauten Stein saß, lächelte Eva.

Sie wusste:

Die schönste Einladung an die Natur ist ein Garten, in dem sie willkommen ist.

Und manchmal genügt schon ein kleiner Vogel, um einen ganzen Garten mit Leben zu erfüllen.


© Anne Seltmann




Anne Seltmann 10.07.2026, 11.25| (0/0) Kommentare | TB | PL | einsortiert in: EigeneWortPerlen | Tags: Rotkehlchen, Geschichte, Geschichten, Poem, Lyrik, Vogel, Garten, Eva,